Würdenträger und Diener,,Malerei auf Papier,-8. Jahrhundert Chinesische Kunst

Man kann diese Bilder einen ganzen Tag lang betrachten, ohne ztt ermüden. Der Verstand ist konzentriert, und doch sind die Gedanken verbannt. Der Körper ist in einen Zustand geraten, in dem er sich leicht fühlt wie ein trockener Zweig, und der Geist so unbeteiligt ist wie tote Asche "

So schrieb, vor elfhundert Jahren, Chang Yenyüan über die Malerei seines berühmten Zeitgenossen Ku Kai chih Ähnlich geht es dem Betrachter heute beim Lesen des monumentalen Werkes von William Watson über chinesische Kunst:

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„China — Kunst und Kultur"; Herder Verlag, Freiburg, 1980; 636 S, mehr als 1000 Abb, darunter 184 vierfarbig auf Kunstdrucktafeln, 290 — DM.

Es handelt sich um den neunten einer auf zehn Bände angelegten Serie der Reihe „Ars Antiqua", in der die Kunstgeschichte der großen Kulturvölker dargestellt wird. Dieses Buch ist das Beste, was heute in dieser Gesamtdarstellung auf dem deutschen Markt zu haben ist — nach Informationsgehalt, nach hervorragender technischer Qualität der vielen farbigen Abbildungen, aber auch nach der umfassenden Darstellung aller wesentlichen chinesischen Kunstrichtungen und ihrer Impulse — von den dunklen Anfängen in den Ebenen des Gelben Flusses im zweiten Jahrtausend v. Chr bis zur Revolution 1911. Eine annähernd vergleichbare Gesamtdarstellung hat es hierzulande bisher nur mit William Willetts „Buch der chinesischen Kunst" gegeben. Doch das ist schon vor zwölf Jahren erschienen und wird es schwer haben, mit diesem neuen Prachtband mitzuhalten — sieht man einmal von der eingängigen und ausgesprochen verständlichen Schreibweise Willetts und der den Leser zu äußerster Konzentration auffordernden Darstellungsweise Watsons ab.

Damit sind wir auch schon bei einem der großen Nachteile dieses Bandes: Dem Normalleser wird häufig zu viel abverlangt. Wollte der Direktor der großartigen „Percival David Foundation for Chinese Art" in London ein Buch für Experten schreiben? Käufer eines solchen Kunstbandes sind doch vor allem Laien, Liebhaber und die immer größer werdende Gemeinde der China Fahrer. Für die ist denn auch der sehr gehaltvolle Informationsteil gedacht, eine Art Kunstreiseführer mit zusätzlichen Skizzen, Querschnitten und Bildern, die leider noch aus den Anfängen der Photographie zu stammen scheinen.

Watson setzt in seinen Texten zu viel voraus, erklärt zu wenig und verweist zu häufig auf — zugegeben — exemplarische Kunstwerke, die dann aber unter den Abbildungen gar nicht zu finden sind. Außerdem werden nur höchst unvollständige Informationshilfen gegeben. Nach welchen Gesichtspunkten das Glossar zusammengestellt wurde, bleibt unerfindlich. Hoffentlich doch nicht danach, daß alles auf zwei Seiten passen mußte? Oder warum fehlen sonst viele der übernommenen hinduistischen und indisctbuddhistischen Begriffe? Warum wird zum- Beispiel das Mahayana aufgeführt und erklärt, aber Väjrayana nicht? Warum erscheinen manch Begriffe — - wenn überhaupt — nur unter dem Abschnitt „Götter"? Warum macht man sich die Mühe, eine Anleitung zur Umschrift und Aussprache abzudrucken, wenn sie nicht vollständig ist? Warum wird nicht an irgendeiner Stelle des Buches einmal systematisch und zusammenfassend auf Konfuzianismus und Taoismus eingegangen? Auch das wäre Leserservice, denn die jeweils dominierende gesellschaftliche Stellung dieser miteinander rivalisierenden Philosophien hat ja schließlich ganz entscheidende Auswirkungen auf die beiden Gebiete gehabt, denen dieser Band gewidmet ist: Kunst und Kultur.

Bei dem Preis dieses Buches dürfte man mehr Sorgfalt verlangen. Auch sollte die Karte, die während des Lesens unerläßlich ist, nicht zwischen den Seiten 492 und 493 versteckt werden, sondern etwa, leicht auffindbar, im (noch leeren) hinteren Buchdeckel abgedruckt sein. Daß die traditionelle Transkription des Chinesischen beibehalten wurde, mag die Anhänger der mittlerweile von Peking verordneten ZungenbrecherUmschrift ärgern. Ich habe noch nach der alten Weise chinesisch gelernt, und auch in Transkriptionen sind mir Künstler und Kunstwerke nach der traditionellen Art liebgeworden. Vielen anderen wird es wohl ähnlich gehen.

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