Chomeini hetzt zum Klassenkampf

Die Mullahs regieren mit Hilfe des fanatisierten Mobs Von Andreas Kohlschütter Teheran, im April

Schwarz verschleierte Weiber mit schreienden Kindern an der Hand watscheln durch die einst nur einem auserwählten Publikum vorbehaltenen Ziergärten des ehemaligen Kadscharen Palastes am Baharestan Platz in Teheran. Sie laufen vorbei an Prunksäulen und Pavillons zu turmhohen Haufen alter Kleider, die von einem islamischen Revolutionskomitee an diese Ärmsten der Armen und an Angehörige von Opfern des iranisch irakischen Krieges verteilt werden. Im Inneren des Palastes wurde die Symmetrie des Treppenaufganges durch eine einzige, revolutionäre Kugel zerstört, die die Spiegelwand bersten ließ. In der früheren belle etage wimmelt es von Bittstellern, sie suchen Rat und Hilfe in den Sprechstunden der Mullahs. Aus dem gesprengten Goldrahmen ist das überlebensgroße Schahporträt herausgerissen und durch ein kleines, in die eine Ecke gedrücktes Chomeini Bildnis ersetzt worden.

„Die hätten lieber mehr Geld für mein Dorf ausgeben sollen und weniger für diese Kronleuchter", meint Farhade Heidafi trotzig. Der 25jährige Revolutionsgardist (Tasdarän), stöppelbärtig, in Jeans und ausgetretenen Turnschuhen, wirft einen verächtlichenBlick auf den Pomp und die Pracht der sechs Kristallkandelaber. Ihr Licht fällt auf die leeren Sitzreihen des einstigen Unterhauses, auf diese museale Parlamentskulisse, in der die Pahlewis ihre Demokratieschau abzogen und die Volksrepräsentanz zur Farce machten. Hier wurde im Februar 1979 noch getagt, als Volkswut und Massenaufstand schon gegen die P alästmauern brandeten. Das dicke Polsterkissen, auf dem der Kammerpräsident in jenen Stunden des ändert regime nervös hin und her rutschte, liegt noch da. Die Klingel, -imt deren Hilfe er nach einer Ruhe und Ordnung rief, die außerhalb des Kronleuchtersaales niemand mehr anerkannte, funktioniert noch.

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Der junge Tasdarän zeigt triumphierend auf die bewegungslose Parlamentsuhr: „Wir haben sie zum Stehen gebracht, wir leben jetzt in der neuen, in der islamischen Zeit Er berichtet von den Vorteilen, die seinem unter dem Schah vernachlässigten Heimatdorf am Kaspischen Meer m den zwei Jahren der Islamischen Republik entstanden sind. Die Landflucht wurde gestoppt, meint er, die alten Bauernfamilien seien wieder zurückgekehrt „Sie haben uns Boden, landwirtschaftliche Maschinen, Strom und Asphalt gegeben, außerdem Renten für die über 60jähri~ gen Bewohner Auch ihn, der mit Ach und Krach die Volksschule absolvierte und sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlug, lockte einst die Großstadt. Heute bemüht er sich mit Eingaben und Anträgen um den Job eines Dorfschullehrers.

„Wir waren zu Hause schon vor Chomeinis Rückkehr gläubige Moslems, seit der Revolution sind wir noch viel religiöser geworden", beteuert Farhade Heidar. Heftig und engagiert fügt er hinzu: „Früher lebten wir in völliger Ignoranz, die uns von den westlichen Mächten auf gezwungen wurde. Jetzt ist uns ein Licht aufgegangen. Wir wissen um Palästina und Amerika. Wir wissen, was Imperialismus und Ausbeutung bedeuten und wer unsere Feinde sind "

Auf solche revolutionäre Begeisterung der unteren Bevölkerungsschichten stützt sieh der machthungrige Teil des schiitischen Klerus. Zu Tausenden zogen diese Menschen am ersten April, zwei Jahre nach Gründung der Islamischen Republik, bei sintflutartigen Regengüssen auf den Platz der Freiheit und wateten durch knöcheltiefes Wasser zur Demonstration: „Gott ist groß, Chomeini ist der Führer" — Wir sind Deine Soldaten, Chomeini, wir warten nur auf Deine Befehle "

Hunderttausend strömen noch immer jede Woche zum Freitagsgebet auf dem Gelände der Teheraner Universität zusammen. Enggereiht auf ihren Teppichen verneigen sie sich vor Allah, geloben Chomeini — „dem Mann Gottes mit dem göttlichen Herzen" — ewige Treue: „Solange das Blut in unseren Adern fließt Und stundenlang lauschen sie ergeben den primitiven Lautsprecher Hetztiraden des Freitagspredigers gegen Amerika und gegen immer neue imperialistische Verschwörungen: „Möge Gott unsere Feinde und deren Diener im Innern des Landes zerstören "

Die „Entrechteten und Unterdrückten" (Mostafazin), die Lumpenproletarier aus den Slums von Süd Teheran, die in den Städten verelendeten Bauern, die Analphabeten, Halbgebildeten, die diesen Kreisen entstammenden fanatisierten Schüler und Studenten — sie alle sind der Teig, den scharfmacherische Mullahs und Polit Ajatollahs zu immer neuer Gärung anrühren. Sie sind die verfügbare Masse in jenem ständig verschärften islamischen Klassenkampf, mit dessen Hilfe die radikale Geistlichkeit ihren Griff nach dem revolutionären Alleinerbe und dem gottesstaatlichen Machtmonopol zu legitimieren versucht.

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