Das finnische Zauberwort heißt ..Emäntä" Darf ich zum Tango bitten?
Über außergewöhnliclie Frauenund listige Männer /Von Heinrich von Tiedemann Helsinki Briefe aus den großen Städten der Welt
Sie hieß Elli Tompuri.
Programmzettel, Photographien, Zeitungsausschnitte, Dekorationen und Kostüme haben den Ruhm der Schauspielerin aus dem hohen Norden verewigt; die Tompuri spielte alle Frauenrollen der Weltliteratur, Lady Macbeth und Medea, Salome und Kleopatra, Eliza Doolittle und Hedda Gabler, ja sogar ins lederne Wams des Dänenprinzen Hamlet hat sie sich gezwängt. Gertrud Eysoldt und Hedwig Bleibtreu drückten sie an den Heroinenbusen, und Alfred Kerr vergoß Tinte zu ihrem Lob. Sie reiste um die halbe Welt, skandierte und rezitierte in mehreren Sprachen und gegen Ende ihres 82 Jahre währenden Lebens schrieb sie mehrere Bücher, in denen sich ihr aufregender irdischer Wandel zu einem, nicht enden wollenden Märchen verklärte. Elli Torrir puri war vermutlich eine der ersten finnischen Frauen, die aus der geographisch und sprachbedingten Abgeschiedenheit ihrer Heimat hervorgetreten sind. Inzwischen sind ihr viele gefolgt.
Fast könnte man sagen, was heutzutage draußen von finnischem Wesen und Tun Aufmerksamkeit erregt, ist vor allem weiblichen Ursprungs — die Herren Sibelius, Aalto und Kekkonen lassen wir mal außen vor. Mit Begriffen wie Emanzipation und Feminismus kommt man in Finnland nicht weit, man wird schnell eines anderen belehrt. Das alles erleuchtende Zauberwort heißt „Emäntä" und bedeutet soviel wie Herrin über Haus und Hof oder Beschließerin, nicht nur weil sie die Schlüssel bewachte, sondern auch die für Mann und Familie entscheidenden Beschlüsse zu fassen hatte. Ihre Stellung war, so versicherte mir die Reichstagsabgeordnete Jutta Zilliacus, in diesem von agrarischen Strukturen geprägten Land immer sehr stark, oft dominierend. Das beschränkte sich keineswegs auf den privaten Bereich, auf Alkoven und gute Stube. Die Männer mußten vergleichsweise frühzeitig auch ihre politischen Privilegien teilen und den Frauen parlamentarisches Mitspracherecht einräumen. Zwar hatte der Vorsitzende des Konstitutionsausschusses des Finnischen Landtages, Robert Hermansson, bei der Beratung des neuen Wahlrechts zu Protokoll gegeben, „daß die Frau auf Grund ihrer Natur nicht geschaffen sei, aktiv am politischen Leben teilzunehmen", doch wurde der gelehrte Herr von seinen Kollegen und der öffentlichen Meinung überstimmt. Finnlands Frauen bekamen das Wahlrecht 1906, lange bevor man (Mann) sich in anderen demokratisch verfaßten Staaten dazu durchringen konnte. Der ersten Abgeordneten Miina Sillanpää hat man darum folgerichtig ein Denkmal gesetzt. Über die Rolle der finnischen Frau in der Vergangenheit, vor allem in Krieg und Bürgerkrieg, haben männliche Autoren herzbewegende Geschichten geschrieben und so den Eindruck verstärkt, die Frage der Gleichberechtigung sei im Lande der Seen und Wälder "obsolet. Das Heldengemälde, das die von Not, Hunger und Revolution ungebeugten, tapferen Mütterchen abbildet, das sogar von der aktuellen Fremdenverkehrswerbung leicht abgewandelt übernommen wurde und die Finnin von heute als Tausendsassa verkauft — hart im Nehmen, zupackend in Küche und Sauna, dabei immer sauber gepflegt und zum Lächeln bereit —, verdrängt, so meinen die Frauenrechtlerinnen, die Wirklichkeit. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts sei zwar formell die Gleichberechtigungj keineswegs aber die Gleichbehandlung statuiert worden. Sollte „Emäntä" in der Frühzeit tatsächlich die Fuchtel geschwungen haben, so muß sie jetzt einsehen, daß die Männer listig und mächtig genug sind, sich zu revanchieren, immer schön an der Legalität entlang Mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft, der zunehmenden Landflucht hat der finnische Mann Terrain zurückerobert. Das Faustrecht, so liest man in einer Studie, übt er im Hause aus, das heißt er schlägt gern, vor allem, wenn er getrunken hat, und das nicht zu knapp. Ein deutscher FinnlandkennerV der nicht genannt werden will, behauptet zwar, bei heimischem Schlagwechsel bleibe die Gattin, sehen etwas schuldig, doch die einschlägigen Verletztenlisten registrieren nur Frauen. Neuerdings können sich die Mißhandelten in Schutzhäuser retten, die in Finnland recht spät eingerichtet worden sind. Geschärftes Selbstbewußtsein zeigt die Finnin nun auch, wenn es um die rechtlichen Fragen ehelichen Beischlafes geht. Neidvoll blickt sie über den Bottnischen Meerbusen nach Schweden, wo seit 1965 Vergewaltigung unter Verheirateten als strafbares Delikt gilt. Das Thema allgemein ist auf dem Tisch, seit Märta Tikkanen ihr heiß umstrittenes Buch „Männer können nicht vergewaltigt werden" (auf deutsch unter dem ungenauen Titel: „Wie vergewaltige ich einen Mann?" bei Rowohlt erschienen) veröffentlicht hat. Neben der Volkshochschullehrerin Tikkanen haben außerdem Karmela Belinki, Marianne Backlen und Marika Hausen über Frauenprobleme geschrieben und doziert und so eine Tradition fortgesetzt, die schon die Ahnfrau der finnischen Frauenbewegung, Fredrika Runeberg, Gemahlin des finnland schwedischen Skalden Johan Ludvig Runeberg, begründete. Sie, die man die „freiwillig demütige Frau" nannte, stand als schreibendes Frauenzimmer tief im Schatten ihres hochberühmten Mannes, doch ihr Traum von Freiheit, damals naiv und widerspruchsvoll anmutend, ist unvergessen und noch nicht ausgeträumt. Denn bei genauem Hinsehen hüten die Männer weiterhin ihr angestammtes Territorium. Unter der Überschrift „Die Frau gehört ins Haus" untersuchte neulich Helsingin Sanomat, Finnlands größte Tageszeitung, wie es mit der Repräsentanz der Frauen in Wirtschaft, Handel und Politik bestellt ist. Das Ergebnis läßt zu wünschen übrig. Finnlands Frauen stellen wohl die Mehrheit der Beschäftigten auf dem Arbeitsmarkt, aber in den oberen Etagen sind sie selten zu finden. Völlige Fehlanzeige etwa bei den Gewerkschaften, dem üblichen Männerklub. Im Reichstag ist die Ausbeute mit 52 von 200 Abgeordneten ebenfalls wenig eindrucksvoll. Wer. klagt, bekommt die klassische Antwort: „Frauen scheuen Verantwortung, haben keine Ausdauer, verzagen, wo Männer nicht lockerlassen "
Dieses Vorurteil kann unmöglich auf jene Finninnen zutreffen, derer sich auch die finnischen Männern zu rühmen pflegen; nicht auf Eila Hiltunen, die das monumentale Sibeliusdenkmal in Helsinki entworfen hat, eine aus Stahlrohren, das symphonische Werk symbolisierende, geschweißte Konstruktion; nicht auf Armi Ratia, die Gründerin der Firma Marimekko und Erfinderin einer neuen textilen Farbenlehre; ebensowenig auf Anu Pentikäinen, die mit keramischer Kleinkunst ihre weltweite Kundschaft verwöhnt; und noch weniger auf Elissa Aalto, die Witwe des großen Aivar, heute Chefin von ARTEK, der Wiege der stilbildenden, bis heute ungeschwächt wegweisenden innenarchitektonischen Formsprache, die man schlicht „Finnish Design" nennt. Wer schließlich trug finnische Pfiffigkeit und Phantasie in die entlegenste Kinderstube, wenn nicht Tove Jansson, die Mutter der trolligen Muminfamilie.
Zu den sonderbarsten finnischen Frauengestalten unseres Jahrhunderts zählt wohl Maria Äkerbiom. Als sie im vergangenen Februar hochbetagt starb, widmeten ihr die Zeitungen Schlagzeilen und ausführliche Artikel. 1898 als Tochter eines Tagelöhners in einer Bretterkate geboren, versammelte sie schon als Teenager Gläubige und Abergläubige um sich, überraschte mit scheinbar übernatürlichen Gaben und Sinneswahrnehmungen und bezeichnete sich fortan als Prophetin. Sie gründete eine Sekte, beschäftigte die Gerichte über Jahrzehnte, ließ die Untersuchungsakten auf Zehntausende von Seiten anschwellen, entwischte auf spektakuläre Weise einem Gefangenentransport und wurde dann wegen Betruges, Aufwiegelung, Mordversuch und Irreführung der Behörden zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die von ihr entfesselte Erweckungsbewegung, zeitweise so fanatisiert, daß sie ein Attentat auf einen hohen Beamten verübte, zerfiel Übrig blieb eine Dissertation, die sich wie ein Kriminalroman liest.
Fanatisch wie Maria Äkerbiom und ihre Mitläufer sind die finnischen Feministinnen nicht. " Wir haben keine radikalen Frauengruppen", sagt die Reichstagsabgeordnete Jutta Zilliacus, „das hat man hier nicht nötig. Unsere Geset;zgebung diskriminiert die Frauen nicht Sogar der Erzbischof hat die Fristenlösung gebilligt. „Aber da bleibt die Attitüde der Männer, die muß man ändern "
Den Ratschlag eines Bekannten, zum Abschluß meines Besuches in Helsinki und zur Vertiefung meiner Kenntnisse über die Finnin eines jener Lokale zu besuchen, in denen die Frauen die Männer zum Tanz — meist Tango — auffordern, habe ich nicht befolgt. Die typische „Emäntä", die Schlüsselbewahrerin, glaubte ich in diesen Etablissements nicht antreffen zu können. Aber da hatte ich viel zu puristisch gedacht.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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