Fernseti-Vorschau Das siebenteilige Exil
Wovon hängt es ab, ob aus einem Roman ein abendfüllender Film oder eine wochenbelagernde Fernsehserie wird? Von der Anzahl der Seiten etwa? Oder doch von der Anzahl an Episoden und Charakteren, die sich, wie bei der Forsythe- und der Kempowski Saga, genüßlich in wuchernden Kapiteln erzählen lassen? Oder die, wie Döblins „Alexanderplatz", genügend Farben für mehrere Gemälde haben.
Lion Feuchtwangers Roman „Exil" hat fast 800 Seiten; aber trotz politischer Entführung, trotz Selbstmorden, Liebesaffären und Erpressungen kann man nicht behaupten, daß sonderlich verwikkelte Geschichten abliefen, und auch bei den Hauptpersonen — einer Gruppe deutscher Emigranten in Paris und deren Widersachern — handelt es sich nicht gerade um komplizierte Menschen. Die haben so ihre Probleme: mit Frauen ebenso wie mit ihrem Arbeitsplatz, einer Exilzeitung.
Den Reiz des Romans macht eben dieses Geflecht der Durchschnittlichkeit aus, das Nebenbei der wüsten Politik zum Haushaltsleben, der Familiensorgen neben der Angst vor Staatsmacht: die Trivialität.
„Es gehen in einer solchen Zeit des Übergangs das Urteil des Herzens und das Urteil des Hirns oftmals auseinander", notiert Feuchtwanger in seiner Nachbemerkung, „ich war mir bewußt, daß ich mich nicht drücken durfte vor den Widersprüchen, vor dem Dialektischen unserer Epoche Das heißt, er idealisierte so wenig, wie er verteufelte.
Allerdings schrieb er das Buch zwischen 1935 und 1939 in Sanary, am französischen Mittelmeer, in einer noch relativ ruhigen Exilszeit, deren ungeheuerliche Phase um 1940 mit dem Auslieferungserlaß der Naziregierung beginnt, mit der Vertreibung aus den Wohnungen, der Verfolgung und Internierung der Emigranten, denen es nun nicht mehr um die Schlagkraft einer eigenen deutschsprachigen Zeitung zu tun ist, sondern ums physische Oberleben und die Verleugnung der „Muttersprache", Mit heutiger Kenntnis betrachtet, ist Feuchtwangers „Exil" also ein eher behäbig plaudernder „roman policier"; die Schrecken des französischen Exils lassen sich in seinem Erlebnisbericht „Der Teufel in Frankreich" nachlesen.
Recht eigentlich also ist darin nur Stoff für einen abgeschlossenen Spielfilm. Macht man daraus sieben Teile, so wird. die. Blässe der Zeichnung deutlich: es hätte da durchaus des Auffüllens mit heute zugänglichem Material bedurft.
bert Muller und Egon Günther (und die später kräftig „dxüber gehenden" Dramaturgen der Bavaria), was näheliegt, jede Episode einer anderen Hauptfigur oder Gruppe gewidmet, doch ist ihnen leider nicht sonderlich viel zu jedem eingefallen, so daß die Filmserie mit ihren Liebes- und Journalistenaffären noch trivialer wirkt als bei Feuchtwanger.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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