Zigarettenmarkt Der große Dreh
Die Kartellbehörden sind machtlos gegen die Zusammenarbeit von Philip Morris und Rothmans
Wir erwarten nicht", sagt "Werner E. Klatten, Sprecher des Bremer Zigaretten- und Tabakunternehmens Martin Brinkmann AG, „daß diese Beteiligung Folgen für den deutschen Markt hat Schon möglich. Doch ein anderer Beteiligter tut sich schwer, das gleiche Thema seinen Mitarbeitern Zu erklären: die Münchner Zigarettenfirma Philip Morris. Beiden Unternehmen ist nämlich gemeinsam, daß sie nur wenig Konkretes zum Fall mitzuteilen haben. Und dieses hat wohl seine guten Gründe.
Der Fall: Mitte vergangener Woche rückten die beiden jeweiligen Muttergesellschaften einander näher. Der New Yorker Zigarettengigant . Philip Morris und sein britischer Konkurrent, die Rothmans International des südafrikanischen Industriellen Anton E. Rupert, vereinbarten eine „Partnerschaft", wie es zurückhaltend in einer Mitteilung der Unternehmen- heißt.
Soweit jetzt bekannt wurde, beteiligte sich der expansive New Yorker Zigarettenkonzern, der mit seiner Marlboro die meistverkaufte Zigarette der westlichen Welt dreht, zu zweiundzwanzig Prozent an der Londoner Rotlimans International, bei der Ruperts Rembrandt Gruppe bislang mit 44 Prozent Mehrheitsaktionär war Überdies übernimmt Philip Morris Wandelanleihen von Rothmans, so daß der Einfluß auf rund dreißig Prozent steigen könnte. Ungefähr die Hälfte des Rothmans Kapitals ist gestreut.
Ob es jemals zu einer „Elefantenhochzeit" kommen, die internationale Zigarettenindustrie noch ein bißchen obligatorischer als bisher schon wird, ist sicher nicht nur eine Frage der Beteiligungshöhe. Die Verträge, die Aufschlüsse wohl erst in einigen Wochen geben könnten, werden vor allem eines berücksichtigen: Die immer höher gewordene Sensibilität der nationalen und internationalen Kartellbehörden.
Die nationalen Märkte werden nur noch von einer Handvoll von Zigarettendrehern beherrscht. Allein in Deutschland vereinen die fünf größten Anbieter über 99 Prozent des Gesamtmarktes. Der Marktführer Reemtsma kam Ende 1980 auf 31 Prozent, BAT auf 27 8 und Martin Brinkmann auf 17 4 Prozent. Gemeinsam mit Philip Morris würde Brinkmann auf einen Schlag den traditionsreichen Branchenersten vom Thron stoßen, denn die Marktanteile addieren sich auf über 31 Prozent, Zwar rechnet auch in Deutschland niemand mit einer echten Fusion der Unternehmen, doch ohne Einfluß wird die New Yorker Akquisition nicht bleiben. Dem Bundeskartellamt hat sich bereits der Rechtsanwalt eines der betroffenen Unternehmen angesagt, der den Fall erläutern will. Mehr als dem Herrn interessiert zuhören können die Beamten kaum, wenn die deutschen. Tochtergesellschaften von dem Geschehen in New York rechtlich unberührt bleiben. Die in der letzten Woche zwischen Rupert und Philip Morris vereinbarte Verbindung kam für die Öffentlichkeit wie für Insider gleichermaßen überraschend. Denn erst einen Tag zuvor, anvDienstag, hatte der 64jährige Rupert in einem „winzigen Telex" einen anderen Zigarettenkonzern nach wochenlangen Verhandlungen über eine Beteiligung an seiner Rothmans Gruppe eine brüske Absage erteilt: der R. J. Reynolds Industries in Winstori Salem. Der Schock für Reynolds Chef Paul Sticht war um so größer, als Rupert sich ausgerechnet mit seinem Erzrivalen Zigarettenkönig hatte offensichtlich während seiner Verhandlungen mit Reynolds gleichzeitig mit Philip Morris gepokert, obwohl er Reynolds Boß Sticht hoch und heilig versprochen hatte, exklusiv, zu verhandeln „Wir vertrautem dem Wort dieses Herrn", sagte Sticht auf der — zufälligerweise in derselben Woche stattfindenden Hauptversammlung seines Unternehmens. Aus seiner Enttäuschung mochte der düpierte Sticht keinen Hehl machen.
Die Enttäuschung ist verständlich. Denn über eine Verbindung mit Rothmans wäre Sticht einem Ziel nähergekommen, das ihm seit Jahren vor Augen schwebt: weltweit mehr Zigaretten zu verkaufen als der Rivale Philip Morris. Auf dem US Markt ist Reynolds mit" den Erfolgsmarken Winstön, Salem, Camel und Vantage seinem Wettbewerber zwar noch um eine Nasenlänge voraus. 202 Milliarden Zigaretten verließen letztes Jahr die Reynölds Produktionsstätten. Philip Morris kam mit seinen Marken Marlboro, Merit, Benson & Hedges, Virginia Slims und Parliament auf einen Absatz von 191 Milliarden Stück. Doch der Zigarettenverbrauch stagniert in den USA, Wachstum gibt es für die US Giganten, die längst auch an anderen Branchen tätig sind, nur noch im Ausland. Ein Weg, den Philip Morris frühzeitig und erfolgreich beschritten hat. Über 238 Milliarden Zigaretten, verkauft der New Yorker Konzern außerhalb der USA, auf bescheidene 82 Milliarden brächte es dagegen Rivale Reynolds.
( Da hätte schon eine Liaison mit dem vor allem in Europa starken Rothmans Konzern gepaßt. 150 Milliarden Zigaretten der Marken Rothmans International, Peter Stuyvesant (in der Bundesrepublik Deutschland liegen die Marken Recke seit Beginn der sechziger Jahre bei Reemtsmi), Dunhill, Lord Extra, Peer wurden letztes Jahr abgesetzt Über die Hälfte davon in Europa, der Rest in Kanada, Südamerika, Australien und Malaysia.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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