Des Kremls starrer Reichsverweser
Ver einem VierwljahrHöpdert, m 25. Oktober i 956, eilten zwei sowjetische Spitzenfunktionäre in das vom ungarischen Aufstand erschütterte Budapest ; Drei Tage später zog Moskau seine Truppen aus der Hauptstadt ab. Ungarns Ministerpräsident Imre Nagy verkündete das Ende der Einparteienherrschaft, den Austritt aus dem. Warschauer Pakt und die Neutralität seines Landes, Vom 1. November an kehrten die sowjetischen Panzer mit Verstärkung zurück und überrollten den verzweifelten Widerstand der „Revisionisten" und „Konterrevolutionäre". Die beiden Kreml Kommissare, deren Budapester Mission im Blutbad endete, hießen Anastas Mikojan und Michail Suslow.
Zwölf Jahre später, Anfang August 1968, eilten die Führer der Warschauer Pakt Staaten in die slowakische Hauptstadt Bratislava, um den Prager „Revisionisten" jene Forme] aufzunötigen, mit der zwei Wochen später dgr sowjetische Einmarsch begründet wurde. Die Bruderstaaten würden es niemals und niemandem erlauben, einen Keil zwischen die sozialistischen Länder zu treiben, so lautete, das Gebot, Bevor es in einem Gewerkschafttheira über dem Steilufer der Dona unterzeichnet; wurde, käme drei sowjetiiehe Polbüjrgmitgl5eder die schmale Treppe surrt Fluß hinunter. Wir wollen die Donau sehen", riefen Ministerpräsident K pssvj;ln und der damalige ukrainische Pwteichef Schelest mit verkrampfter Fröhlichkeit, um der Weltpresse, einen Kompromiß mit Prag vorzuspielen. Doch der dritte Man auf der Trepp spielte nicht mit, seh hageres Gesicht zeigte die Strenge eines asketischen Kardinals: Michail Suslow — er wirkte wie der Großinquisitor der Prager Ketzer. IH der vergangenen Woche erschien der heute fase 79 Jahre alte Suslew als erstes sowjetisches Politbüromitglied seit den Danziger Streiks zu einem Blitzbesuch in Warschau. Moskaus ideologischer Gralshüter zeigte höchste Beunruhigung darüber, daß sich in Polen die Parteibasis verselbständigt, daß sie das Machtmonopol der Führunf nicht länger beachtet. Eine offensive Aktien der Partei" stehe immer noch aus, so lautete einer der alarmierenden Befunde Suslowsi Nur wenige Stunden nach seiner Abreise entdeckte die. Nachrichtenagentur T#$f zum erstenmal „revisionistische Elemente" innerhalb der polniseheri Partei ™ wie, einst in Budapest und Prag. Di Besorgnis in und um Warschau wächst wieder — doSh auch Suslows Visite ist nicht swangsläwf ig das „leute. Signal", S$lw i dar Oberhim der Gegenim Komraunisai?, seia ideologisch!
tmhe er sei 35 Jahren — so lange, wi m Polen ds Sgwj$ystm hewjcht. Abtr diese? großrussische Eiferer der reinen Lehre ist kein poMseher Abwueuwr, E? torpedierte alls EntspaanuasipQlUik, wo sie pragmatisch wurde; er inspizierte rd iiwervenlem bei allen Reformen der Bruderparteien — aber er stirnrnts bis jsulet gegen die Einroämai i Ungarn und in die Tschechoslowakei. Der Mann, n dem orthodoxe KP Bürokraten ganz Europas ihren Pontif sehe, fürchtete Rückschläge für Moskaus zentrale Rolle im Weltkommunismus , Suslow? Glaube an die reine Lehre hat ihre Wurzeln in der Zeit direkt nach der Oktoberrevolution. Am Institut der Roten Professur fand der Sohn eines russischen Kleinbauern als Wirtschaftswissenschaftler Aufnahme — als Stalin gerade Lenin die Macht aus den Händen nahm. Und mit Stalins eisernem Besen fegte der junge Parteifunktionär zehn Jahre später den Weg zu seiner politischen Blitzkarriere frei. 1939 wurde er 1. Sekretär des Regionalkcmue es von Stawropoi, wo er 1944 die Deportation des Volksstamms der Karatschaier mitorganisierte. 1944 erzwang er als Vorsitzender des Politbüros im eroberten Litauen die Sowjetherrschaft gegen erbitterte Partisanen. Beim 19. Parteitag 1952 stieg Suslow ins Parteipräsidium (Politbüro) auf; in der heutigen Kreml Garde ist er der letzte, der noch unter Stalin Vollmitglied in diesem Spitzengremium war.
Suslows noch ältere und stärkere Bastion aber ist das Sekretariat des Zentralkomitees. Ununterbrochen seit 1947 amtiert er als ZK Sekretär. 1948 schon übernahm der langaufgeschossene, kurzsichtige Professor mit seinem seit Jahrzehnten unveränderten Pennälerhaarschnitt die ZK Abteilung für die Verbindung mit den Bruderländern. Sie wurde unter Suslow- zur Schaltstelle des hegemonialen Diktats; die herkömmlichen diplomatischen Kanäle waren bald nur noch Nebenarme der Bef ehlsübermittlung.
Nach Stalins Tod wurde Suslaw im Kreml zum Anwalt der kollektiven Führung, zum Verteidiger des Apparats, gegen Chruschtschows Alleingänge und Reformeifer. Die graue Eminenz der feingesponnenen Intrigen und vorsichtigen Bündnisse strebte selbst nie zur Alleinherrschaft und konnte deshalb zum Königsrnacher werden. Weil Suslow die Machtkonzentration in einer Hand und den Personenkult ablehnte, verurteilte er Stalin posthum. Doch die Entstalinisierung Chruschtschows — der sich von den Oligarchen, die mit ihm um das Erbe stritten, als der große Erneuerer absetzen wollte — ging Suslow schon bald zu weit.
Als die Parteiführung 1962 über die Veröffentlichung von Solschemsyns Novelle Ein tierte, äußerten Suslow und Frol TCoslow starke Bedenken. Chruschtschow, so erzählte man sich später in Moskau, zeigte spontan mit dem Finger auf die beiden Widersacher: „Wie können wir denn gegen dia Folgen des Personenkults kämpfen, wenn Stalinisten dieses Schlages noch in unseren Reihen verbleiben. Der verschlossene SusloTT wiederum, über dessen Privatleben fast nichts bekannt ist, paßte sich im Duell mit Chruschtschow mitunter seinem hemdsärmeligen Gegenspieler an. 1960 ging der formbedachte, zugeknöpfte Asket ausgerechnet in einem ukrainischen Hemd ohne Krawatte auf den Empfang des indonesischen Botschafters — um in demonstrativer Urlaubsstimmung einen Beridit Chruschtschows vor der Parteiführung zu ignorieren.
Chruschtschows Annäherung an den Westen seit der Begegnung mit Eisenhower in Camp David 1959, sein Plan zur Demobilisierung von 1 2 Millionen Soldaten, sein Gulaschkommunismus und zuletzt seine Umarmung Bonns — all diese sprunghaften, oft selbstherrlichen Entschlüsse trafen auf den Widerstand Suslows. Doch der Hüter des Dogmas fädelte die Palastrevolte gegen Chruschtschow erst ein, als jener Anstalten traf, die kollektive Führung aus der Verantwortung zu drängen. Am 13. Oktober 1964 ließ Suslow den Parteichef vom heutigen Yerteidigungsminister Ustinow aus dem Urlaub holen. Vor Präsidium und Zentralkomitee zählte er leidenschaftslos Chruschtschows Sündenregis:er auf. Der Parteichef ballte zornesrot die lauste und stieß Beschimpfungen aus. Da erhob seh Suslow noch einmal und kommentierte kühl: „Ihr seht ja, Genossen, es hat keinen Zweck mehr mit ihm!"
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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