Südamerika Die andere neue Welt
Von der Entdeckung bis zur Befreiung: Bücher zur Geschichte eines Halb-KontinentS / Von Horst Bieber
Vor rund 500 Jahren erschien in Lissabon ein dreißigjähriger Genuese und bot König Joäo II an, den direkten Seeweg nach Indien zu finden — westwärts, um die Erdkugel herum und nicht, wie es die von der portugiesischen Krone gestützten Expeditionen derzeit gerade erprobten, an der afrikanischen Küste entlang gen Süden, um dann tief im Süden den freien Wasserweg gen Osten zu finden. Das Schicksal dieses Christoforo Colombo ist bekannt; die Portugiesen — exzellente Seefahrer und die besten Navigatoren ihrer Epoche — lehnten ab; die Spanier griffen zu, im Siegesjubel über die abgeschlossene reconquista, die Vertreibung der Araber von <Jer Pyrenäen Insel.
Die conquista Amerikas durch die Spanier in dem Jahrhunden nach 1492 bietet immer noch Stoff für Abenteuerbücher, und Spannung, Handlung, Farbe sind nicht die untauglichsten Vehikel, ein richtiges, aber weithin unbekanntes Kapitel der Geschichte bekannt zu machen. Fachliteratur gibt es mittlerweile en mctsse, das meiste verständlicherweise in Spanisch, aber genügend auch in Deutsch. So verdient denn ein Buch anerkennende Erwähnung, das mit Spannung, Handlung und Farbe eine lesenswerte Einführung bietet:
Vorweg: ein glänzend gegliedertes, reich und abwechslungsreich bebildertes Buch, hervorragend gedruckt, in einem Stil geschrieben, der zwischen Knappheit und Detailfreude die schwierige Balance hält. Auf diesem Feld sind nur die Karten zu bekritteln, die unübersichtlich und etwas ärmlich sind; überdies täte es gut, die reichlich verwendeten Ortsbezeichnungen bei der ersten Benutzung zu erklären oder zu zeigen; da hapert es gelegentlich, zum Mißvergnügen des Lesers. Alles in allem: Für den Neuling ein ansprechender und als Einführung empfehlenswerter Band. Freilich: nur als Einführung. Denn Mondfeld hat aus einem komplizierten Tatbestand eine etwas simple Reportage formuliert. Dabei soll nicht einmal seine These kritisiert werden, daß die europäischen conquistadoren die Indios Mittel- und Südamerikas aus einer fürchterlichen Sklaverei erlöst haben (um dann eine andere zu errichten). Der Haupteinwand richtet sich einmal gegen seine eurozentrische Beurteilung der Eroberung und zum anderen gegen seine — bei dieser Art von Darstellung wahrscheinlich unvermeidliche — Interpretation von den „einsamen Helden", die unmenschliche Strapazen erduldeten, urn — ja, was zu erreichen? Gold, Ehre, Ruhm? Die Ausdehnung des wahren Glaubens? Machthungrige Ignoranten, mit der Bibel in der einen und dem Schwert in der anderen Hand, ohne Sinn für fremde Kulturen? Das Abenteuer zweier total gegensätzlicher Lebensauffassungen, die kriegerisch aufeinanderprallten, fällt zu knapp aus; der Sieg rechtfertigt die Sieger, und diese Auffassung greift zu kurz. Der zweite Autor eines lesenswerten Buches über die Eroberung „Latein" Amerikas ist da ganz, anderer Meinung:
Salentiny bemüht sich, die Kulturen und Gesellschaften der Azteken, Maya, Chibcha, Inka und Araukaner darzustellen und zu begründen. Notgedrungen muß er vereinfachen und resümieren, was in der Forschung durchaus noch nicht als gesichert gilt, einiges gerät ihm dabei zu glatt und zu logisch, aber für einen Einstieg in die Geschichte ist das Buch trotz streckenweiser Langatmigkeit brauchbar.
Überspitzt formuliert hat Mondfeld in Europa und Salentiny in Südamerika geschrieben, und dieses vorkolumbianische Amerika war differenzierter, entwickelter und in seinen innerstaatlichen Beziehungen komplizierter, als der rasche spanische Sieg vermuten ließ — schließlich haben die wenigen Eroberer ja nur triumphiert, weil sie regionale Feindschaften für sich auszunutzen verstanden. Staaten, in denen „ohne den Willen des Herrschers kein Vogel einen Flügel rührte", und primitive Stammes Gesellschaften lebten in Marschweite nebeneinander her, wobei die Hochkulturen zur Zeit der conquista in eine Phase der Expansion eingetreten waren (die Maya ausgenommen), über deren Gründe die Leser in beiden Büchern zu wenig erfahren.
Der Zerstörungswut und Goldsucht der Spanier sind die meisten indianischen Quellen zum Opfer gefallen; über viele offene Fragen muß — wenn überhaupt je — noch die Archäologie entscheiden (wer wo und aus welchen Gründen zur Zeit gräbt, ergäbe ein hochinteressantes Kapitel). Salentiny vermittelt einen Eindruck, was die Eroberer eigentlich vernichtet haben; er läßt den so schnell zusammengebrochenen Kulturen Gerechtigkeit widerfahren, und dies hebt sein Opus wohltuend von Mondfelds Heldenroman ab. Ein drittes Buch ergänzt die vorgestellten: Nach einer kurzen, informativen Einführung kommen die „Zeitgenossen" zur Sprache. Aus Berichten, Briefen, Akten und Traktaten wird ein Abendland sichtbar, das Missionsbewußtsein und Brutalität, Neugier und Langeweile unbefangen verquickte. Kreuz und Schwert, Hauptbuch und politische Fibeln waren keine Widersprüche; man konnte an Deck beten, während im Laderaum die schwarzen Sklaven verreckten. Bitteriis Dokumentation (ein Lob verdient der AnmerkungsApparat) läßt sich wie eine Kuriositäten Sammlung lesen (Mitleid und leises Grauen sind ja durchaus spannungsfördernd), aber ergiebiger ist eine andere Haltung, die Bereitschaft, das Nebeneinander von „alt" und „neu" zu verfolgen. Mit Columbus und Luther das „dunkle" Mittelalter enden und die „lichte" Neuzeit beginnen zu lassen, bedeutet eine unhistorische Zäsur vorzunehmen; aber es gibt wenige Perioden schnelleren Wandels und schrofferer Gegensätze.
Dreihundert Jahre später. Ein preußischer Gelehrter und ein französischer Botaniker segln nach Südamerika, dessen Nordteil, Zentralamerika und Mexiko sie fünf Jahre lang durchstreifen. Schon die ersten Bände seiner „Voyage", der Auswertung seiner Erfahrungen, erweisen Alexander von Humboldt als den (wissenschaftlichen) „Entdecker der Neuen Welt". Ob W%inem jungen Mann aus Venezuela namens Simon Bolivar im Jahre 1804 in Paris den Gedanken eingegeben hat, sein Vaterland von der spanischen Herrschaft zu befreien, ist umstritten, eher zweifelhaft, aber auch zweitrangig. Der junge Mann aus bester Familie nahm von dem preußischen Gelehrten jedenfalls die Überzeugung mit, daß der Subkontinent seiner inneren Entwicklung nach eine Chance besitze, politische Souveränität zu erringen, und daß Europa diesem Unternehmen Aufmerksamkeit schenken werde.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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