Die Kunst steht gegen den Tod

Die Jüngeren schauen weg, wie die Älteren alt werden und sterben, oder sie schauen hin und wissen es nicht einzuschätzen: Sollen sie den bewundern, der es schaffte, über 70, 80, 90 oder gar 100 Jahre lang sich durchzusetzen, zu überleben, sich gegen Zerstörung, Depression und Leiden zu behaupten?

Gibt es ein Geheimnis im altgewordenen Menschen, oder hat er nur eine, glückliche Kombination zwischen Anpassung und Verweigerung, kollektivem und individuellem Leben gefunden? Wie kann einer, wie Michel Leiris, 80 Jahre alt werden, wo sein Leben von Anfang an unter dem Zeichen der Verzweiflung, des Mißlungenen, der ungeschützten Existenz und der Verweigerung stand? Sind die suizidgefährdeten Menschen für das lange Leben geeigneter als die „Gesunden", die — so scheinen es einige Untersuchungen nahezulegen — von heute auf morgen an Krebs erkranken oder unerwartet todkrank werden? Ist das Leben gleichsam an der Seite des Todes geschützter als die lebensfrohe, nicht todesbewußte Existenz?

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Tod und Leben haben keinen gemeinamen Maßstab; für Leiris gibt es durch Selbstmord oder Unglück „bevorzugte Todesarten", die Leben und Tod in einer einzigartigen Weise miteinander verknüpfen, etwa bei Shelley, „weil das Sturzbachhafte seiner Lyrik nach einem Tode durch Versinken in die entfesselte Natur verlangte; bei Nerval und Majakowski, weil der Selbstmord eine gewisse mangelnde Übereinstimmung mit dem Leben anzeigt, einen Bruch, der mehr als ein Jahrhundert hindurch der ureigensten Verfassung des Lyrikers zu entsprechen Schien; bei Lorca, weil der Mann, der die Zigeunerbesungen hat und mit dem Stierkämpfer Sanchez Mejias befreundet gewesen ist, sich schuldig war, auf blutige Art und Weise zu sterben; bei Max Jacob, weil von all den verschiedenartigen Leidenschaften, die in ihm aufeinandergeprallt sind, die größte sein glühender Wunsch ist, ein Heiliger zu sein ", Für Leiris selbst verschränkt sich das Bewußtsein von einem Leben, das von Anfang an erbarmungslos seinem Zuendegehen ausgesetzt ist, aufs Engste mit dem Ideal einer totalen Poesie („Nur die totale Poesie ist große Poesie"), die es allein erträglich und zeitweilig nichtig macht. Als Ethnologe hat er auch Auftragsarbeiten erledigt — die Wissenschaft ist für ihn immer die Möglichkeit gewesen, eine soziale Lebensform zu etablieren —, in seiner poetischen Praxis ist er kompromißlos, rückhaltlos. In seinem AfrikaTagebuch „Phantom Afrika" oder in seinem Essay über „Das Heilige im Alltagsleben" ist ihm die Irritation dieser Arbeitsteilung von selten des Wissenschaftlers und des Poeten gelungen. Hier wie in der autobiographischen Skizze „Mannesalter" und in der monumentalen vierbändigen Selbstanalyse „La Regle du jeu" (Die Spielregel) setzt er gegen die Aufteilung (in zwei Haltungen und Verfahrensweisen) die eine konsequente Perspektive der Selbstentäußerung, Selbstentblößung, die keine Verheimlichung zuläßt: „ ich habe immer deutlicher das Gefühl, in einer Falle zu zappeln , ich komme mir wurmstichig vor"— wie ein „ausgehungerter Verdammter".

Den Tod zu erwähnen, wenn man über Leiris schreibt (er wurde kürzlich achtzig), verletzt diesen großen Lebenden nicht, sondernbenennt den Pol, gegen den allein es sich lohnt anzuschreiben.

, Gegen den Tod steht >die Kunst die Magie und die Revolte; „das Leben freischneiden" (Benjamin) — das war die gemeinsame Idee in den surrealistischen Gruppierungen. War Artaud formulierte, galtvor ällsm auch für Masson, Leiris, Limbour und Bataille: „Und wir Surrealisten hatten immer, überall das Bedürfnis, herauszutreten in eine Bewegung tödlicher Unzufriedenheit ,. Weigerung und Heftigkeit Masson betonte, sie seien in erster Linie „Anarchi- sten", „des rebelies toujoürs", mit dem Glauben an die totale Freiheit und die Bedeutung der subjektiven Revolte (ohne Parteizugehörigkeit) gewesen.

Im Vergleich mit den Künstlern, denen sich Leiris auch im Verlauf der folgenden Jahrzehnte verbunden fühlte (vor allem Bataille — mit ihm und Caillois gründete er 1937 das „College de Sociologie"), könnte er der surrealistischen Bewegung, der er von 1924 an zugehörte, noch am meisten für seine weitere Arbeit abgewinnen. Dem entgegenzuwirken, was Bataille am Surrealismus tadelte: „trop demmerdeurs ideV listes" (zu viele idealistische Langweiler), sollte die Arbeit im „College" gewidmet sein. Leiris, der hier seinen Aufsatz über „Das Heilige im Alltagsleben" vortrug, war in der Zwischenzeit Ethnologe geworden und brachte dies in die soziologisch, neu definierte Arbeit an „Gegenstandsbeziehungen, an wechselseitigen Beziehungen von Mensch und Gesellschaft, ein. Leiris strebte die Erfassung des „ganzen Menschen" an — ausgehend von der Erinnerung an die eigene Kindheit mit den ihr eigenen sinnlichen und sprachlichen Sensationen und dem, was im Verlauf des Lebens sich davon in der Wahrnehmung und Rede erhalten hat, was magisch, heilig geblieben ist und als Abweichung weiterlebt und was sich verschliffen hat — auf immer oder bis es in einer Assoziation wieder erinnert wird. Leiris Ideal: der „totale Mensch" soll derjenige sein, für den real und imaginär eins sind, der seine Zugehörigkeit zur Natur erkannt hat und die natürlichen Produktionen nicht mehr von den seinen getrennt sieht". Leiris Aufsatz übet das Heilige markiert „den Anfang und Zielpunkt des ganzen Werkes. Er ist die Regle du jeuim ganzen".

Für den Schriftsteller Michel Leiris, der sich von der surrealistischen Bewegung 1929 trennte, ohne deren psychologische und soziale Emanzipatiönsehancen zu verschmähen, war die Ethnologie in der Folge seiner ersten, mit Marcel Griaule unternommenen Forschungsreise nach Afrika zum Beruf und Feld seines politischen Engagements geworden.

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