Die neue Schallplatte
Staunenswert
Grateful Dead: „Reckoning". Das Live Doppelalbum ist bekanntlich meistens eine halbherzige Entschuldigung dafür, daß man nicht genügend gute neue Songs geschrieben hat, laut Vertrag aber trotzdem eine neue Platte veröffentlichen muß. Nicht so bei den GratefuI Dead, die immerhin als die Erfinder dieser Spezies von Album gelten dürfen. Auf ihrem bisher letzten von vielen Live Sets spielen sie neben einigen ihrer populärsten „Klassiker" wie „Dire Wolf" und „To Lay Me Down" ausschließlich Akustik Rock, der von den denkbar traditionellsten Folk- und Blues Vorbildern geprägt ist. Man höre und staune: Eine Grateful Dead Platte ohne endlose 24 Minuten Jams, ohne Bob Weirs oft so klägliche Rock n Roll Versuche und auch nicht vom DiscoBazillus infiziert wie die letzten LPs der Band; statt dessen vorzüglich arrangierte Songs, bei denen die Gruppe ihr Kollektivspiel auch auf Platte so mühelos demonstriert wie lange nicht mehr, allen voran wieder Jerry Garcia, der mit unaufdringlicher Virtuosität (etwa beim „Deep Ellutn Blues") brilliert. Tonmann Dan Healy sorgte für die exzellente Aufnahmetechnik (Arista 301 621) Franz Schaler der nach Salzburg zurückkehrte, hatte er die damalige Avantgarde kennengelernt Seine ersten Salz, burger (Wiener) Arbeiten für die orchestrale Großform, die Sinfonie, verschmolzen die beiden Erfahrungen (und der Salzburger kirchlich staatliche Feudalherren Kulturbetrieb hatte damit auch prompt seine Schwierigkeiten). Daß und wie sehr diese kompositorischen wie interpretatorischen Attitüden sich von unserer heutigen Orchesterpraxis wie dem von Spätromantik und pseudoapollinischem EdelklangFetischismus geprägten Mozart Bild abheben, kann nur und muß Nikolaus Harnoncourt uns immer wieder und immer wieder neu vorführen. Anders aber als etwa in seiner Zürcher Opernproduktion gelingt es ihm in dieser Aufnahme mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester nur bedingt Daß zu Beginn des zweiten Satzes der Sinfonie KV 338 ein völlig fremder Ton vor den Auftakt gerutscht ist, scheint ebenso unverständlich, wie es nicht zu hören ist, ob Harnoncourt in diesem Satz die (nicht autographen, aber in den Originalstimmen besetzten) Fagotte mit den „bassi" spielen läßt oder nicht: Klarheit ist, trotz digitaler Aufzeichnungstechnik, nicht der Vorzug dieser Aufnahme. Die Prägnanz der dynamischen Unterschiede, die Phräsierungsnuancen, die Artikulation von Einzel- und Harmonietönen — ansonsten läßt Harnoncourt präziser arbeiten, und die Techniker haben ihn, ehrfurchtsvoll scheu, nicht zusätzlich gefordert. Dennoch: was es heißt, wenn Mozart fordert „das Erste Allegro muß recht feüerig gehen — das lezte — so geschwind als es möglich ist", wird erst auf dieser Platte klar, die manchmal so- aggressiv klingt, als seien die Stücke dreißig Jahre später von Beethoven geschrieben worden. Und daß in einer SechsachtelKette die Noten zwar gleich geschrieben, aber unterschiedlich gespielt werden können — abgesetzt voneinander alle diejenigen, die im Mannheimer Stil einen Dreiklang bilden, gebunden hingegen die auf Pariser Geschmack zurückgehenden verzierenden Umspielungen — dies einmal so deutlich hörbar zu machen, ist noch keinem weit berühmteren MozartSpezialisten gelungen (Concertgebouw Orchester Amsterdam, Leitung: Nikolaus Harnoncourt; Telefunken 6 42703 AZ) Heinz Josef Herbort heißt zusammen, crisis heißt Entscheidung, aber auch Bedrängnis und kündigt eine entscheidende Wendung an; da die vier Mitglieder dieser so genannten Gruppe — Titus Köstler (Gitarre), Edgar Müller (Tasteninstrumente), Uwe Holzwarth (Schlagzeug) und Peter Frodl (Baß) — sich auf dieser Schallplatte vorgenommen haben, musikalisch über die Kraft der Musik nachzudenken, reflektiert der Grappenname gleich den Plattentitel. Der ehrgeizige Vorsatz wird in jedem der acht Stücke deutlich: eindringliche, ja durchdringende Melodien werden geradezu insistierend ausgebreitet, ehe sie in einem artigen, etwas vordergründig spielerischen Jazz verarbeitet werden. Was die vier sich vorgenommen haben, gelingt ihnen aber recht gut: lebendiges Spiel, ausdrücklich live und von Playback Tricks frei, eine von technischen Raffinements unbeschädigte, direkte Aufnahme im eigenen kleinen Studio. Höhenflüge — auch etwas tiefer reichende Reflexionen — liegen ihnen nicht, sie bleiben auf dem Boden der Tatsachen, auch dem ihres Könnens (Syncrisis, Peter Frodl, Köllestraße 14, 7400 Tübingen) Manfred Sack
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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