St tädtehau documenta (sub)urbana in Kassel

Wenn die Stadt Kassel in diesen Tagen ihre leidenschaftlich umstrittene Bundesgartenschau eröffnet und natürlich hofft, ihre Kritiker mit blühenden Tatsachen zu beschwichtigen, versucht sie sich schon am nächsten, womöglich viel mehr Aufsehen erregenden Projekt. Seine Bezeichnung hat, weil vom Erfinder, dem documenta Gründer Arnold Bode, nur mit ungenauen Inhalten hinterlassen, viele und selbstverständlich auch befehdete Deutungen hervorgerufen und wiederum eine Menge Kritiker mobil gemacht: documenta urbana. Sie sollte die alle vier Jahre stattfindende, jedesmal hundert Tage dauernde internationale Kunstschau in den Städtebau fortsetzen, mit allem, worüber sich der weite Mantel einer Stadt Bau Kunst schlagen ließe: mit Skulpturen und Objekten, Happenings und anderen Bewußtmachungs Prozessen, mit Kunst in, an und zwischen Bauten, mit anspruchsvoller, sich selber genügender Baukunst für Alltags- und besondere Gelegenheiten, auch mit der Kunst der städtebaulichen (und also: sozialen) Komposition und ihrer stetigen Erneuerung.

Für Arnold Bode hatte sich damit für die documenta ein neuer Horizont ange deutet: Es entstand das Bedürfnis, die bildenden Künste auf die profane Seite des Alltags herüberzuziehen oder hinüberzustoßen. Kurz nach Bodes Tod im Jahre 1977 machte sich Kassel an dieser Idee zu schaffen. Aktuelle städtebauliche Umstände gaben ihr indessen den alsbald beklagten Dreh: Die Stadt hatte vom Bund einen früheren Truppenübungsplatz in schöner Lage "mit der Flurbezeichnung Dönche gekauft; zu einem Viertel läßt sich der Boden bebauen. Ein früher Siedlungswettbewerb blieb ohne Folgen, dasAnsinnen zehn Jahre danach, hier die Gesamthochschule als Campus Universität sich breitmachen zu lassen, wurde erfolgreich hintertrieben; seitdem wird der Gedanke verfolgt, das „WohnungsbauErgänzungsgebiet" nach Kräften mustergültig zu bebauen.

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Nicht zuletzt sollten die Eigenheimbauer, die, kommunal politischer Nachsicht gewiß, unaufhörlich die Stadtränder zernagen, von kompakteren Arten des :Siedeins überzeugt werden; anderen Hausbauern wiederum sollte die Stadtflucht ausgeredet werden; die Neue Heimat endlich, von jahrelanger öffentlicher Kritik empfindlich verwundet, suchte dringend die Chance, ihre besseren Talente zu beweisen, und wahrhaftig tut sie nun etwas, was von ihr all die Jahre ihrer gemeinnützigen Existenz hindurch vergeblich erwartet worden war: beispielhaft zu arbeiten, Wagnisse einzugehen, um einer besseren Wohnbau Architektur willen Experimente zu machen. Die Stadt Kassel nahm sich das Wohnungsbauunternehmen als „Bauträger" zum Partner, und Ende der siebziger Jahre begann das Projekt, von einem Beirat beeinflußt, allmählich Gestalt anzunehmen.

Die Einwände, die zuerst der. Bund Deutscher Architekten dagegen vorbrachte, die dann von der Gesamthochschule Kassel aufgenommen und in der Werkbundzeitschrift werk und zeit" verbreitet wurden, trafen weniger das Projekt selber als die Rubrik, unter der es geführt wurde: Stadterneuerung ausgerechnet in einer Stadtrandsiedlung vorzuführen und dann in einer Bauausstellung zu präsentieren, das war Verrat an der documenta urbana. Warum, so war die Frage, wurde denn nicht versucht, unter dieser Devise die Stadt selber in Ordnung zu bringen, der documenta S2 also eine konkrete und wahrhaftig urbane Fortsetzung zu geben? Es war doch „werk und zeit" nicht schwergefallen, eine ganze Sammlung wunder Stellen im Stadtplän ausfindig zu machen, die die Kasseler schmerzen.

Inzwischen hat es den Anschein, als habe die Stadt diese Einwände verstanden und sich sogar zu Herzen genommen. Auf einer Sommerakademie in diesem Jahr soll nun das eigentliche Programm der documenta urbana beraten und formuliert werden.

Unterdessen geht das andere Projekt unter derselben Fahne weiter, eine Unternehmung von gleichwohl sehr bemerkenswerter Eigenart.

Von den vielen interessanten Vorsätzen ist zwar keiner unbedingt neu, aber noch niemals wurde einer in dieser Kombination und mit solcher Konsequenz auch angewendet wie hier. Neun Architektengruppen sind ausgewählt worden, nicht, um in einem Wettbewerb auf die übliche Weise gegeneinander anzutreten, sondern um ein Planungskollektiv zu bilden, das von der Programmplanung bis zur Ausführung zusammenarbeitet. Es sollte sich, das ist wichtig, niemand gezwungen fühlen, seine Individualität der Kollektivanstrengung zu opfern, im Gegenteil: Die eigene Architektursprache sollte so angewendet werden, daß die Verständigung mit den anderen acht möglich ist. So verlangte man den Neun etwas ab, das in der gewachsenen Stadt gewöhnlich die Geschichte besorgt, nämlich: das gelassene Nebeneinander verschiedenartiger Häuser von unverwechselbarer Handschrift, die gleichwohl den Eindruck hervorrufen, zusammenzugehören; Was in der Stad: oft unabsichtlich geschieht, muß hier absichtlich getan werden: eine Art von Stadtbild zu (er )finden und zu bewahren mit, vor allem, einem gemeinsamen Maßstab „Eigentlich", sagte der Berliner Architekt Hinrich Ballet, der sich utn die Koordination zu kümmern hat, „hätte es ein Hauen, und Stechen geben müssen unter uns, so verschieden baut jeder", statt dessen seien sie „allesamt Freunde geworden". So scheint, mit den Häusern so etwas wie eine von Dialekten geprägte Sprache zu entstehen, die einem verbindlichen Maßstab gehorcht. Er gibt sich bis in Details wie Fenstern zu erkennen, und tatsächlich greifen dreistöckige Wohnhäuser verschiedener Architekten, also sehr unterschiedlichen formalen Ausdrucks ineinander, gehen ineinander über, einigen sich in gemeinsamen Treppenhäusern, lassen sich sogar ins Nachbarhaus hinein erweitern. Am deutlichsten zeigt sich, das in einer Wohnhaus Schlange, die die Siedlung zur Stadtseite hin begrenzt.

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