Bef Kanzler in Riad "Eine Weltmacht - Donnerwetter"
tc Helmut Schmidt und die Waff enwitaehe der Araber / y<m Nina Grunebberg
. RzÄ im April Bei Windstärke drei aus Nordwest und 33 Grad Cslsüis im Schattest landeten Bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Delegation am Montagnachmittag in der WahabitenWelrdes Hauses Saud. In aufgeräumter Laune hatte der Ranzier den Journalisten während des Flages vorgeworfen, sie kümmerten sich zu wenig um diese wichtige Region der Welt „Es ist den Deutschen nicht bewußt", wiederholte er immer wieder, daß Saudi Arabien in den letzten Jahren außerhalb des nordatlantischen Bündnisses unser politisch und wirtschaftlich wichtigster Partner geworden ist :
Um so mehr irritiert ihndie innenpolitische und von im anfangs unterschätzte Debatte über die Frage von Rüstungsexportea nach SaudiArbien. Sie hat eine Intensität erreicht, für die er unmutig ein „provinzielle deutsche Übertreibung" verantwortlich macht. Den Journalisten, die das allen Überzeugungskünsten, des Regierungssprechers Kurt Becker zum Trotz bislang nicht für wahr halten wollen, machte er noch einmal grantig klar? „Sie irren sieh, wenn Sie denken, daß das im Zentrum des Besuches steht, Sie irren sich "
Ära ersten Abend, der mit einem arabischen Essen im Palast begonnen hatte, zu dem ein Glas Mineralwasser, ein Glas Buttermilch und ein Glas Kamelmilch gereicht wurden, und der mit einem ungeplanten und deshalb langen Meinungsaustausch zwischen König Chalid, dem Kronprinzen Fahd und dem Kanzler endete, war denn von Rüstungsexporten zur Erleichterung der Deutschen auch wirklich nicht die Rede. Der König machte lediglich die Anspielung, Deutschland sei das erste Land gewesen, das dem saudiarabischen König Ibn Saud in den dreißiger Jahren Waffe liefen — eine Lieferung, die im Dritte Reich noch einmal wiederholt wurde. Im übrigen lobte die Staatsmänner ihre gegenseitigen Beziehungen öd die „wtradetbare Erfahrung ihrer politische Bewertungen, Der Kronprinz versicherte Helmut Schmidt: „Wir betrachten uns 1$ einen Teil der freien Weh" — ein Wort, an dem ein westlicher Staatsmann sich festhalten kann Den weltpolitischen Teil des Meinungsaustausch? hatte der König — der über sich su lagen pflegt: Ich bin Bauer und Beduine — kurzerhand mit der Frage öffnet: „Wie beurteilen Sie Reagan?" Damit war der Kanzler längere Zeit beschäftigt, Das Gespräch dauerte drei Stunden.
SaudirArabien ist ein vielurrwerHenes Land. Jeder möchte hier gefallen. Auch der. Zuschnitt der deutschen. Delegation machte Has deutlich. Außer Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff, der auf eigenen Wunsch mitgekommen warsicherlich such, m das Gewicht des, Koalitionspartners an einem so wichtigen Ort zur Geltung zu bringen, gehörten der Delegation nicht weniger ais drei Staatssekretäre an (Manfred Lahnstein, Chef des Bundeskanzleramtes, Kurt Becker, Chet" des Presse- und Infprmätionsarntes, und Günter van Well; Staatssekretär des Auswärtigen Amtes), drei Ministerialdirektoren und siebzig Journalisten. Die vier persönlichen Gäste des Bundeskanzlers kamen diesmal nicht aus Wirtschaft und Gewerkschaft — aus einem leicht einsehbaren Grund: Gewerkschaften sind in Saudi Arabien verboten. Und den Wirtschaft lern braucht der Weg in dieses reichste Entwicklungsland der Erde auch nicht mehr geebnet zu werden Über Geschäfte können sie nicht klagen (57 Prozent der Auslandstätigkeit der deutschen Bauindustrie entfallen auf Saudi Arabien), höchstens über die starke internationale Konkurrenz und die anspruchsvollen saudischen Kunden. Der Bundeskanzler nahm diesmal vier Professoren mit auf die Reise: Karl Schiller, den ehemaligen Wirtschaftsminister, den Schmidt schon vor einigen Jahren den Saudis als Berater der Regierung schickte und den die Gastgeber jetzt besonders herzlich begrüßten. Für ihn soll die Reise auch ein Geschenk zürn siebzigsten Geburtstag sein. Der zweite ist Karl Kaiser, Leiter des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und ein gerngesehener Gesprächspartner im Kanzleramt. Gemeinsam mit Udo Steinbach, dem Leiter des Orient Instituts in Hamburg, veröffentlichte er zu Beginn des Jahres eine Studie über die „deutsch arabischen Beziehungen".
Zu den Gästen gehörte auch Reimar Lust, der Präsident der Max Planck Gesellschaft, der einige wissenschaftliche Projekte vorantreiben will. Die Saucis interessieren sich für eine Sternwarte und haben sich deshalb schon an das Heidelberger Max Planck Institut für Astronomie gewandt. Wegen der Frage, wer das große Fernrohr bauen darf, liegt die deutsche Firma Zeiss bereits mit den Amerikanern im Clinch. Außerdem interessieren sich die Saudis für neue Verfahren zur Herstellung von Protein aus Methan, das heißt aus Rückständen von Erdöl, die vom Max Planck Institut für Limnologie in Plön entwickelt wurden. Der vierte Gast ist Eugen Sei™ bold, Präsident der Deutschen Farschungsgemeinschaft Schon 1976, bei seinem ersten Besuch in Riad, lobte Helmut Schmidt die Saudis als „weltbewußt". Heute pflegt er nur noch lapidar zu sagen: „Saudi Arabien ist eine Weltmacht" — und schickt dieser Einschätzung höchstens ein wohlgefälliges „Donnerwetter" hinterher. Der Aufstieg der Saudis hat noch auf niemanden seinen Eindruck verfehlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg eines der ärmsten Länder der Welt, begann Saudi Arabien vor gut einem Jahrzehnt an seinem Erdölreichtum spürbar zu verdienen. 197Q vär das noch eine Milliarde Dollar. 1981 werden „die Erdöleinnahmen über hundert Milliarden Dollar betragen (d -ie tägliche Einnahme, beläuft sich, auf 300 Millionen Dollar). Saijdi Arabien ist heute der größte Erdöllieferant der Welt (die Bundesrepublik bezieht jetzt 27 Prozent ihres ölimportes aus diesem Land); es hat die größten Währungsüberschüsse (mit 97 Milliarden Dollar stch t es an erster Stelle der Welt, bis vor zwei Jahren war die Bundesrepublik noch Nummer eins) und ist dadurch auch zum größten Gläubiger der Welt aufgestiegen. Auch die Bundesrepublik pumpt inzwischen ihr Geld hier — ein Umstand auf den die Sttttdi Gazette am Tag der Ankunft des Bundeskanzlers mit der Scilagzeile hinwies: „Geld steht an erster Stelle auf Schmidts Liste".
In ihrem finanziellen Bett bilden die Saudis aber auch politische Muskeln. Damit gewannen sie an Ansehen. Sie gelten nicht mehr ais schwache Reaktionäre, sondern als weise, maßvolle und diskrete Staatsmänner. Für den Westen ist das Land heute ein Stabilisator in der strategisch bedeutsamen, aber gefährdeten Golfregion, und em Garant gegen: das weitere Vordringen des sowjetischen Einflusses. Sollten Zweifel an der innenpolitischen Stabilität des Wüstenreiches bestehen, so haben die Deutschen sie lieber zu Hause gelassen. Niemand kennt die innere Lage genau, jedermann scheint sieh damit zufrieden zugeben, daß die saudische Regierung nicht nur die Ermordung von König Feisal im Jahre 1975 überstand, sondern auch den Überfall und die Besetzung der Al Haram Moschee in Mekka Ende des Jahres 1979 — ein Konflikt, der schlagartig deutlich machte, daß auch die religiöse Autorität der saudischen Regierung in der islamischen Welt nicht mehr kritiklos hingenommen wird. Doch will offenbar niemand glauben, daß zum Beispiel Iran mit seiner heftigen Rebellion gegen die Überfremdung durch eine Industrialisierung nach westlichem Muster auch in Saudi Arabisn Schule machen könnte.
Der vorderhand einzige Grund für die Hoffnung ist nur die Weisheit des Hauses Saud, Immerhin waren die islamischen Führer sogar in der Lage, die Windungen deutscher Innenpolitik zu verfolgen. Verständnisvoll und überraschend objektiv wurde in den saudischen Zeitungen über die Waffenexport Debatte in der Bundesrepublik berichtet „Diese Frage", wie die saudischen Führer das Thema umschreiben, wirft dennoch einen Schatten auf den Besuch. Für die Deutschen war es schwierig, die Lage überzeugend zu erklären. JVit wenig politischem Instinkt hatten sowohl d e israelisdie Lobby wie auch die deutschen Virtschaftsinteressenten in den vergangenen Wochen dafür gesorgt, daß die Diskussion darüber b s zur Groteske gedieh.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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