Eliteschule mit sozialem Auftrag

Das Thema Schule ist für viele ein trübes Kapitel — nicht so für Karin. Karin geht auf das humanistische Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster" in Berlin Wilmersdorf. Gegründet wurde es vor mehr als 400 Jahren im Jahre 1574 von Kurfürst Johann Georg, und zwar im heutigen Ostteil der Stadt, im Kloster der Franziskaner, der Brüder mit den grauen Kutten. Daher auch der Name. 1945 wurde die Schule ausgebombt und später von der DDR aufgelöst. Daß sie heute wieder existiert, ist der evangelischen Kirche von Berlin Brandenburg zu verdanken. Sie hat das Graue Kloster mit der alten humanistischen Tradition in West Berlin wieder aufleben lassen.

Das Graue Kloster war das erste Gymnasium in Berlin überhaupt, iind es hat bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht: die Bülows, die Dphnas, die Kleists, die Konigsmarcks, die Plessens, Scharnhorst, Schulenburg, Seidlitz, LangKans, Schadow, Schinkel und, am berühmtesten: Otto von Bismarck.

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In seiner Biographie „Gedanken und Erinnerungen 8 schrieb Bismarck: „Als normales Product unsres staatlichen "Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, so doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, einem dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche bittre Kritik über die Herrscher hören konnte "

Das Graue Kloster, einst Tummelplatz preußischer Elite — was ist es heute? In einer Zeit, wo die" schulische Erziehung sich auf die breite Masse konzentriert und Elitedenken geradezu verpönt ist, hört man statt der „Eliteschule" lieber den Ausdruck „Traditionsschule". Trotzdem wird am Grauen Kloster eine Elite ausgebildet. Wer bereit ist, heute noch Griechisch und Latein als Pflichtfächer", dazu noch wahlweise Hebräisch zu lernen, fällt aus dem Rahmen. Allerdings: Die Mehrzahl der Schüler kommt aus Akademikerfamilien, nur ein geringer Prozentsatz, knapp 15 Prozent) sind Arbeiterkinder. In Karins Klasse sind es zwei von 37. Der Zulauf zur Schule ist dennoch rapide gestiegen. Sie platzt, was bis vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte, aus allen Nähten. Die Schüler am Grauen Kloster identifizieren sich mit ihrer Schule. Sie fühlen sich gut aufgehoben, weil sie wissen, daß sie keine anonymen Glieder eines Systems sind, sie kennen sich untereinander. Es gibt immer noch einen „Schulgeist", ein Gefühl der Gemeinsamkeit, das Alternative und Grüne, Rechte wie Linke einigend unter einen Hut bringt. Krasse Fälle von Jugendalkoholismus oder Drogenabhängigkeit gibt es nicht.

Dafür lernen die Schüler soziales Verhalten von der Pike auf: Die Großen helfen den Kleinen. Karins Klasse ist vor zwei Jahren, aus eigener Initiative, mit der „Aktion Sühnezeichen" nach Polen gefahren. Das Projekt war erfolgreich und ist heute fest in das Schulprogramm aufgenommen. Die Schüler haben itn Konzentrationslager Stutthof gearbeitet und Polen kennengelernt. Im Alter von sechzehn Jahren werden alle Schüler zum Sozialpraktikum geschickt — auch eine Tradition der Schule. Evangelische Krankenhäuser nehmen sie auf zum normalen Dienst von 7 30 bis 13 30 Uhr. Anschließend gehts nicht nach Hause, sondern in das Heim, wo die Schüler mit ihrem „Bezugslehrer untergebracht sind. Sie sollen die ungewohnten Erfahrungen gemeinsam besprechen.

Karin hatte Dienst in einer Klinik für Geriatrie. Das Durchschnittsalter der schon etwas verwirrten Frauen, die sie zu betreuen hatte, lag bei 85 Jahren. Karin mußte die Frauen waschen, windeln oder sie auf die Schüssel setzen. Sie mußte helfen, die Bettwäsche zu wechseln und den Fußboden zu reinigen. Sie brachte Essen und half beim Füttern. Zahnlose Münder essen nicht mehr schnell — für Sechzehnjährige Geduldsprobe.

Leiden und Klagen war das meiste, was Karin sah und hörte. Und trotzdem fiel ihr der Abschied schwer, denn so manche alte Dame war ihr lieb geworden, so Friedchen, die ihr Bettuch immer als „Kacklaken" bezeichnete, oder Berta, die nur mit Hilfe von Schokolade zu überreden war, sich eine Spritze geben zu lassen.

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