Der Landrat und 9 .das Gesindel Fanget die Kerle!

Für Wilfried Steuer, Landrat des oberschwäbischen Landkreises Biberach und CDUAbgeordneter im Stuttgarter Landtag, beginnt die Welt zu wanken. Zwar wählen in Steuers Wahlkreis immer noch 73 Prozent die CDU, aber in den letzten Jahren- machen sich zunehmend fremde Elemente bemerkbar. In alten Bauemhäusern nisten sich alternative Wohngemeinschaften ein und spielen, wenn die Biberacher zur Kirche gehen, Jazzmusik. Auf den Friedhöfen „saufet dene ihre Hund d Weihwasserkessele leer" (Steuer), und bei des Landrats Dorf Verschönerungsprogramm machen sie auch nicht mit.

Doch dies ärgert den kraftstrotzenden Biberacher Kreischef weniger als der Umstand, daß in vielen Wohngemeinschaften seines Landkreises der Drogenhandel blüht. Und so hat er zu Beginn dieses Jahres bei einem Neujahrsempfang für die Polizei an das staatsbürgerliche Gewissen der Beamten appelliert: Statt arme Parksünder aufzuschreiben, solle sich die Polizei lieber um die Wohngemeinschaften kümmern, meinte Steuer nach dem ersten Viertele Trollinger „Fanget die Kerle und gucket, was die treibet", meinte er. Denn in den Wohngemeinschaften treffe sich das „Gesindel des Landes".

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Wochenlang war es still um die Worte des Landrats, bis die Biberacher SPD eine neue Vorsitzende wählte. Und da Anfang September das Kreisparlament auch den Landrat wieder wählen muß, schienen der SPD die Zitate hervorragend geeignet für den Vorwahlkampf.

Wilfried Steuer, der schon stets eine Neigung zum verbalen Kraftfutter zeigte, erkannte jetzt erst, welchen Stein er da losgetreten hatte. Zwei zusammenlebende Referendare rannten ihm die Haustür ein und fragten, ob sie künftig im. Landratsamt als „Gesindel" geführt würden. 60 Mitglieder von alternativen Wohngemeinschaften belagerten seine Sprechstunde und forderteil eine öffentliche Diskussion über Steuers „Hatz" gegen Alternative. Mühsam mußte Steuer jene Differenzierung nachschieben, die er vor der Polizei offenbar versäumt hatte: „Wenn zwoi zsammelebet, isch des kein Problem", meinte er Ihm sei es um den Drogenhandel gegangen. Steuer kann mit Zahlen aufwarten, die zeigen, daß die Drogenwelle das flache Land auch voa alternativen Wohngemeinschaften aus überflutet. Von 42 Gemeinschaften mit 148 Mitgliedern, die im Kreis Biberach polizeilich gemeldet sind, waren im vergangenen Jahr 25 wegen Drogenkriminalität aufgefallen. 15 5 Kilogramm Haschisch entdeckte die Polizei dort.

Als Steuer jedoch mit diesen Zahlen kam, war es für die öffentliche Diskussion fast schon zu spät. Wochenlang füllte das Wort „Gesindel" die Schlagzeilen der Fastenzeit. Wohngemeinschaften erstatteten Strafanzeige wegen Beleidigung, eine alternative kommunalpolitische Gruppe sah in der Ansprache des Kreischefs gar den Tatbestand der Volksverhetzung. Die Ravensburger Staatsanwaltschaft indessen fand dies nicht. Sie verfolgte die Anzeigen nicht weiter, weil sich nach ihrer Ansicht ein Beleidigter nicht feststellen ließ und Steuer auch den „öffentlichen Frieden" nicht gestört habe. So steht der Landrat, der schon bereit war, „hocherhobenen Hauptes" ins Gefängnis zu, gehen, immer noch zu seinen Worten: „Wer Rauschgift verteilt, der isch für mi Gesinde!,

 
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