Fegefeuer in Kreuzberg

Peter Stein inszeniert Nigel Williams' „Klassen Feind" an der Berliner Schaubühne 7 Von Benjamin Henrichs

Einen Blick hinaus ins. Freie gibt es nicht , Zweieinhalb Meter hoch ist die Reihe von Fenstern, durch die kaltes Tageslicht in das triste, kahle Schulzimmer fällt. Man müßte schon auf die Tische steigen, um hinauszuschauen, und würde vermutlich auch dann nicht viel sehen: Es sind Drahtfenster mit Milchglasscheiben, von , Steinwürfen zersplittert, von r Farbbeuteln beschmutzt. Das Tageslicht, das sie durchlassen, ist genauso fahl wie das Neonlicht, das den Raum von innen illuminiert.

Auch ein Schulzimmer gibt es eigentlich nicht —, ohn® erkennbare Ordnung stehen ein paar Tische und Stühle herum, das ganze sieht einer Waffenkammer ähnlicher als einem Unterrichtsraum: die Tische Barrikaden, die Stühle Wurfgeschosse. Im hinteren Winkel des Raumes, dort, wo die beiden diagonalen Wände zusammenstoßen: eine kleine, grüne Schultafel, wie eingeklemmt. Der Lehrer, der hier unterrichten will, steht, schon durch die Architektur des Raumes, wie am Sdiand- und Marterpfahl. Es ist kein besonderes, auffallendes Bühnenbild, das Karl Ernst Herrmann für die deutsche Erstaufführung von Nigel Williams Schülerdrama „Klassen Feind" in der Berliner Schaubühne gebaut hat. Und doch ein unvergeßliches: sachlich, scheinbar simpel in den Mitteln, suggestiv in der Wirkung; wie alle Bilder dieses großen Künstlers angesiedelt im Grenzgebiet zwischen Realismus und Magie. Es ist kein „großer", historischer Theaterabend, den Peter Stein in Herrmanns Bildern inszeniert hat — und doch ein unvergleichlich wichtiger: die Rückkehr der Schaubühne aus der Theatergeschichte ins zeitgenössische Theater.

Anzeige

. Bevor der Zuschauer auf Herrmanns Bühne schauen kann, kriegt er einen. Schlag, vor den Kopf: Rockmusik dröhnt los, nein, sie explodiert wie ein Sprengkörper. Dann ist es still, und nach dem ersten Schrecken begreift man zunächst einmal gar nichts. Durch das Halbdunkel der Bühne bewegen sich fremdartige, unbegreifliche, verwegen kostümierte Gestalten. Sie sprechen zusammen, und scheinbar ist ihre Sprache unsere Sprache, denn manchmal versteht man ein Wort, eine vulgäre Vokabel. Aber ihr Sprechen ist wie ein Stammeln, Sätze hört man nicht, geschweige denn Gedanken; man vernimmt erst einmal nur ein exotisches, bedrohliches Gemurmel. Gleich am Anfang merkt der Zuschauer, daß dies bestimmt kein erbaulicher Abend werden wird, auch kein gruselig erbaulicher; daß ihm die Freuden des Voyeurs versperrt bleiben, Keine Sightseeing Tour für Theaterbürger findet statt in die Slums von Kreuzberg, sondern eine Expedition mit Ungewissem Risiko: Der Zuschauer dieser Aufführung betritt fremdes Gebiet, Feindes Land.

Die beruhigende Gewißheit, das Theater sei der Ort, wo man am sichersten vor der Wirklichkeit geschützt ist, wird erschüttert. Drei Stunden später wird man mehr wissen von den bedrohlichen Menschen auf der Bühne, einiges vielleicht begriffen haben — doch zu Bekannten oder gar Freunden macht sie die Aufführung nicht.

.

Ein düsteres Schulzimmer. Sechs Personen warten- auf einen Lehrer, wissen nicht, o b überhaupt noch einer in ihre verrufene Klasse kommt. Die einzige Schul Arbeit, die sie jetzt haben: Zeit totschlagen — auch das, schon die Metapher sagt es, eine Form von Gewalt.

Wie aus Nichtstun Nervosität wird, aus Nervosität Aggression, aus Aggression Brutalität, und wie aus ziellosen Einzelnen eine terroristische Gruppe wird, die nach dem gemeinsamen Gewaltakt wieder zerfällt — Peter Stein hat es immer wieder inszeniert: in seiner allerersten Regiearbeit, Edward Bonds- „Gerettet" an den Münchner Kammerspielen (1967); in Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt" (1972); auf andere Weise, in anderem, größbürgerlichem Milieu sogar in Gorkis „Sommergästen", auch das eine Variation zum Thema Untätigkeit und Gewalt. Wie wohl kein anderer Regisseur hat Stein ein Interesse (und einen Instinkt) für die labilen Gemütszustände zwischen Leere und Gereiztheit, Gereiztheit und Gewalt, Gewalt und Lethargie. Und wie kein anderer Regisseur kann "er" zeigen wie eine gewalttätige Gruppe funktioniert: jeder Einzelne gehört immer zur Gruppe, aber die Gruppe besteht immer aus Einzelnen. Die halbwüchsigen Schüler in „Klassen Feind" haben einen gemeinsamen Jargon, eine gemeinsame Aggressivität, eine allen gemeinsame Melancholie. Und doch hat jeder Einzelne eine eigene Sprache, einen eigenen Körper, seine eigene, unverwechselbare Traurigkeit.

Service