Rumänien Frohe Friedhöfe

Aus den rauhen Karpaten in das liebliche Donau-Delta / Von Rene Drommert

Ungeschriebene Gesetze sind hartnäckiger als geschriebene: Im rumänischen Guhea, im Gebiet von Maramures, gehen nur Männer in das Innere der Kirche. Die Frauen, von der Emanzipation noch erschreckend weit entfernt, dürfen nur vor der Kirche, auf dem Rasen kniend, der Liturgie lauschen. Im ganzen Lande herrscht der rumänisch orthodoxe Glaube vor. In Sapinta, nicht weit entfernt, wird der Gottesdienst ins Freie verlegt, wenn das Weiteres erlaubt. Aber die sonntäglich gekleideten Männer, die ihre schwarzen Hüte abgenommen haben, stehen auch abseits von ihren Frauen.

. Maramures ist eine Senke, die von West, Süd und Ost, aber im Norden nur zu einem Teil von Bergen umschlossen ist, tief in den wald- und erzreichen Karpaten gelegen, die hier eine Höhe bis zu 1939 Metern erreichen. Touristen, allzuoft nur unachtsame Gäste, haben allen Grund, sich genauer umzuschauen. Maramures ist der wunderbare Landstrich eines sehr schönen, abwechslungsreichen und widersprüchlichen Landes: Rumäniens.

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Als Gast wird man in Sapinta wohl immer neben die Kirche auf den Friedhof geführt, welcher der „heitere" genannt wird. Leichenbittermienen gehören nicht zur Legitimation der Eintretenden, da wird dem Tod überraschend nicht gleich Kotau erwiesen, loan Stan Petras, ein naiver Künstler, hat für rund 300 Gräber geschnitzte und bemalte Kreuze gefertigt. Es sind farbenfrohe Darstellungen, sprühend lebendige „Momentaufnahmen aus dem Leben der Entschwundenen, der Hirte mit Flöte und Schafen; der Trinker, einem Saufkumpan zuprostend; die treulose Frau; ein Mann wird gar ermordet.

Woher stammt des Malers Respektlosigkeit, die, ganz naiv, ein Relikt aus der Zeit vor dem Sündenfall zu sein scheint? Das ist wohl keine individuelle Geisteshaltung eines Menschen des 20. Jahrhunderts, da ist eher eine uns nicht leicht verständliche dakische Mentalität erkennbar, obwohl Maramures nicht zum römisch besetzten Dakien gehört hat. Maramures ist ein vielschichtiges Gebiet widerspruchsvoller, zuweilen feindlicher und doch in dauerndem Waffenstillstand wundersam nebeneinander existierender Mentalitäten. Man findet in Rumänien nicht auf alles gleich einen Reim. Das gibt es wohl auch nur in diesem Lande: In der siebenbürgischen Stadt Klausenburg (rumänisch Cluj Napoca) spielen zwei Opern auf, die eine ungarisch, die andere rumänisch. Sie dienen, sich ergänzend, einer weit verzweigten Bevölkerung der sozialistischen Republik.

Ungereimtheiten und Gegensätze. Wir fliegen vom Norden Rumäniens, nein, keineswegs zu den fleißig besuchten Badeorten am Schwarzen Meer, auch nicht nach Konstanza, wo Ovid, der Dichter der Ars amandi, in der Verbannung lebte. Wir kommen zur Mündung der Donau, zum Endlauf jenes 2860 Kilometer längen, durch sechs Länder fließenden Stromes am Schwarzen Meer. Aber wo ist die Mühdung? Wo wird der Fluß in einer nicht genau kontrollierbaren Metamorphose zum Meer? Der Strom zerfließt, drei Mündungsstränge, der Ghilia Arm, der Sankt Georgs Ara und der Sulina Arm, sind auszumachen in dein weiten Delta.

In Tulcea bin ich an Bord eines kleinen Dampfers gegangen. Einer der Offiziere spricht leidlich russisch— 134 Kilometer des linken Ufers gehören zur UdSSR. Vögel ani grauen Himmel, Reiher vor allem, auch Bussarde, Kormorane, Wildenten, Möwen. Im Wasser Stör, Karpfen, Zander, Wels, Hecht, Plötze, Barsch. Auf dem Lande leben Wildschweine, Nerze, Iltisse, Marder, Ottern, Füchse.

Die weltvergessene, kleine Hafenstadt Sulina mit ihren fast 5000 Einwohnern ist ein Spiegel der reichen Geschichte dieses Stromlandes. Sie lebt heute vom Fischfang und von Fischverarbeitung. Im 14. Jahrhundert war sie eine genuesische Handelsniederlassung, im 16. Jahrhundert ein osmanischer Kontrollpunkt für den Donauverkehr.

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