Genau die Hälfte eingespart

Die Bauern in Tiengen lachten, als sie hörten, daß neben ihren Spargelfeldern ein Sonnenhaus mit Solarkollektoren errichtet würde. Sie zeigten auf ihre pyramidenförmigen Spargelbeete: „Das machen wir doch schon lange!" Schwarze Folie liegt auf den Äckern. Sie zieht die Sonnenstrahlen an, die am Tuniberg bei" "Freiburg besonders dicht und häufig sind. Nur wenig Wässer kann da verdunsten und kiihlen ,Usiter dem schwarzen Belag herrscht schwüles Klima Die Spargel sprießen.

Doch ein wenig komplizierter ist es schon im SonnenhäuSj dessen Bewohner jetzt" Bilanz aus zwei Sommern und Wintern ziehen. Das Süddach besteht fast nur aus Hochleistungsköllöktoren, sogenannten „evakuierten Röhrenkollektoren", aus denen die Luft entfernt wurde, damit nur Wenig Wärme verlorengeht. Zwei verschiedene Systeme sind in das Dach des Musterhauses eingebaut, eines von der amerikanischen Firma Corning, das ändere, von Philips. Beide wandeln Sonnenlicht in Wärme um, die an innenliegende Flüssigkeitsröhrchen abgegeben wird. Pumpen holen die warme Flüssigkeit aus dem Dach ins Haus. Jede der beiden Anlagen versorgt entweder das Brauchwasser Reservoir oder die Heizung. Das läßt sich schalten.

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Die Betreiber und Wissenschaftler des Hauses haben Grund zur Freude. Das Experiment brachte unerwartet günstige Ergebnisse, einen hohen Wirkungsgrad der Kollektoren und erstaunliche Wärmeersparnisse. Das Haus in Freiburg Tiengen -Rebstockweg 5, dürfte Vorbild für die künftige Bauweise in der Bundesrepublik werden. Die beiden Kollektorsysteme, die seit April 1978 arbeiten, hatten pro Jahr und Quadratmeter eine Sonnenenergie von 1078 Kilowattstunden zur Verfügung. Die Corning Röhren haben davon 62 Prozent in nutzbare thermische Energie umgesetzt, eine fast sensationelle Ausbeute. Die Philips Anlage brachte es auf 46 Prozent — ebenfalls ein guter Wert, wenn man bedenkt, daß die heute üblichen Normalkollektoren ohne Unterdruck höchstens einen Jahreswirkungsgrad von 30 Prozent erreichen, meist nur 20 bis 25 Prozent. Unter günstigen Umständen schaffen die Vakuumkollektoren 80 Prozent Ausbeute.

Mit dieser Ausnutzung der Sonnenenergie konnte die Doppelanlage 60 Prozent des Warmwasserbedarfs der Hausbewohner in Tiengen decken. Es sind- zwölf Mietpamiea 25 Per—= sonen, die hier als Mieter des sozialen Wohnungsbaues leben. Sie benötigen durchschnittlich — mit der Heizung — 1150 Liter 45 Grad warmes Wasser pro Tag. Die beheizte Wohnfläche beträgt 652 Quadratmeter. Zweimal 27 Quadratmeter „Absorberfläche" auf dem Dach fangen Sonnenlicht ein — für jede Person im Haus also etwa ein Quadratmeter Sonnenkollektoren jeweils für Heizung und Warmwasser. Die bisher üblichen einfachen Kollektoren würden bei gleither Gesamtleistung fast dreimal soviel Dachfläche brauchen; bei Mehrfamilienhäusern kommen also überhaupt nur Vakuumkollektoren in Frage.

Aber nicht nur diese raffinierte technische Neuerung bestimmt die günstigen Werte des Sonnenhauses. Es ist die auf starke Isolierung bedachte Bauweise, die den Wärmebedarf des Mutterhauses drastisch senkt. Die Außenisolation besteht aus zehn Zentimeter dicken SteinwollePolstern. Die Fenster sind dreifach verglast. Das Sonnenhaus braucht dadurch nur 61 Prozent der Warne für ein herkömmliches Haus. Natürlich hat das Solarhaus auch eine Ölheizungsanlage; doch ist sie nur ein Drittel so groß wie die eines gewöhnlichen Hauses. Eine besonders anpassungsfähige Regelanlage sucht von 40 möglichen Betriebsarten der Solaranlage die jeweils günstigste aus. Diese technische Optimierung durch Regler bringt noch, einmal Ersparnisse. Als Resultate der Sonnenwärme, der Hausisolierung und der Regelung zeigen die Physiker in Tiengen eine Einsparung von stolzen 50 Prozent gegenüber einem konventionellen Haus vor.

Ein solches Vergleichshaus mit ähnlichen Abmessungen und Bedingungen hat man in Freiburg gefunden. In ihm mußten die Bewohner in den vergangenen beiden Wintern 31 Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche verfeuern, in dem so gut abgedichteten Solarhaus nur 17 Liter. Die Warmwasserkosten für die Periode 197980 betrugen beim ferngeheizten Vergleichshaus in Freiburg 9 04 Mark pro Kubikmeter, beim Sonnenhaus fünf Mark.

Angeregt hat das Musterhaus der Freiburger Bundestagsabgeordnete der SPD, Rolf Böhme, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Die Stadt Freiburg und ihre Siedlungsgesellschaft bauten das Haus, das Bundesforschungsministerium zählte, was über den Preis für ein herkömmliches Haus hinausging, also vor allem die Forschungskosten. Die beiden Kollektorenproduzenten stifteten ihre Anlagen ohne Berechnung; geleitet wird das Projekt von der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR), und an den Regel und Meßgeräten, auch an den Computern arbeiten Ingenieure und Physiker der Firma „IST Energietechnik" in Kandern.

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