England und Deutschland vor dem 1. Weltkrieg Händler und Junker
Wie die Positionen beider Länder unvereinbar wurden / Von Fritz Fischer
Um die Jahrhundertwende beherrschte der deutsch englische Weltgegensatz die internationalen Beziehungen in einem Maße, das nur mit dem heutigen sowjetrussisch amerikanischen Weltgegensatz vergleichbar ist. Daher ist eine Studie über die Entwicklung jenes bilateralen Verhältnisses nicht ein künstlicher Ausschnitt aus dem Beziehungsgeflecht der großen und kleineren Mächte seit etwa 1860, sondern der Schlüssel zu ihrem Verständnis. Ein Werk von dem geistigen Gewicht des hier anzuzeigenden Buches sollte deshalb nicht allein die deutschen Historiker, sondern die historisch politisch interessierte Öffentlichkeit insgesamt beschäftigen:
Es ist an Bedeutung vergleichbar mit Lothar Gaus Bismarckbiographie, dem von den Neuerscheinungen des letzten Jahres am meisten beachteten Werk eines deutschen Historikers. Ja, Kennedys Buch übertrifft jenes vielleicht — im Blick auf die Grenzen, die der biographischen Sicht immer anhaften — durch die Breite und Tiefe der Betrachtungsweise. Sie bringt neben den führenden Persönlichkeiten auf beiden Seiten die Summe aller in stetigem Wandel begriffenen ökonomisch technischen, innenpolitischsozialen und machtpolitisch militärischen Faktoren zur Geltung, die das Neben, Zu- und Gegeneinander dieser zwei Nationen bestimmten. Der Begriff der „politischen Kultur" erscheint dabei ebenso wichtig wie die nackten ökonomischen Fakten und die relativen Größenverhältnisse. Das viktorianische, „liberale" (seit 1846 freihändlerische) England begegnete einem Deutschland, das der öffentlichen Meinung konservativ militärisch erschien, trotz liberaler Elemente in Verfassung und Parteileben im Deutschen Reich. Auf beiden Seiten gab es Bewunderung und Kritik in vielr facher Abstufung, wobei persönliche Gegensätzlichkeiten von führenden Männern wie Bismarck und Gladstone oder Wilhelm II und Eduard VII. als wichtige, doch jeweils nur mitwirkende Faktoren erscheinen.
Paul M. Kennedy, ein englischer Historiker, in Deutschland bekannt geworden durch ein Buch über „Aufstieg und Verfall der britischen Seemacht", zeigt die relative Schwächung Großbritanniens durch den Aufstieg Deutschlands seit der Zeit vor dem Jahre 1866. Danach war Deutschland noch ein lockerer Bund von 39 Staaten, gehemmt durch das Gegenspiel zweier Vormächte, Österreich und Preußen, mit unklaren Grenzen, industriell weit zurückliegend, während England als Einheitsstaat zugleich Mittelpunkt eines Weltreichs war, das im Zenit seiner Entwicklung als Industrie- und Handelsmacht stand. Im Vorkriegsjahrzehnt dagegen hatte das geeinte Preußisch Deutsche Reich England auf vielen Gebieten industriell überholt und war zugleich zur Kolonial- und Handelsmacht aufgestiegen. Wenn etwa England um 1860 im Vergleich zu Deutschland das Vierfache an Stahl produziert hatte, 1910 aber nur noch die Hälfte der deutschen Stahlproduktion erreichte, so zeigt dies die tieffehende Verschiebung der wirtschaftlichen tärke.
Freilich war sie — wie das Buch zeigt — nur relativ: Wenn Deutschland auch in neuen Industrien wie Chemie und Elektrizität vehemente Fortschritte machte und sein Anteil am Welthandel schneller wuchs als der Englands, so blieben doch dem britischen Reich genug Ressourcen in älteren Industrien, in Finanzen und Banken, Versicherungen und Schiffahrt, so daß es seine einstige Monopolstellung in der Weltwirtschaft nur schrittweise verlor. Auf beiden Seiten, in England und Deutschland, überwogen die Vorteile aus der engen Wirtschaftsverflechtung beider Länder die Nachteile für einzelne Branchen. Für die Entfremdung beider Länder waren also die ökonomischen Faktoren — entgegen allen Reden von „Handelsneid" — nicht allein ausschlaggebend. Andere Faktoren mußten hinzukommen. Das war vor allem die Machtpolitik in Verbindung mit der geographischen Nähe (darin anders als bei den ebenfalls aufgestiegenen Mächten USA und Japan): der deutsche Flottenbau mit einer Linienschiffahmflotte in der Nordsee und der Schlieffenplan als Instrument, um im Kriegsfälle Frankreich auszuschalten und damit die Balance of Power auf dem Kontinent zu zerstören — eine Doppelbedrohung für England, die weit schwerer wog als etwa deutsche Aspirationen in Übersee, über die man sich allenfalls verständigen konnte. Wenn in Übersee England den deutschen Forderungen nicht weit genug entgegenkam, so hat es auch auf dem Kontinent wohl die Sorge der Deutschen vor der wachsenden Macht Rußlands nicht ausreichend gewürdigt, da sein eigenes Sicherheitsbedürfnis eben in Westeuropa lag, wie Kennedy feststellt.
Verschärft wurden die ökonomisch machtpolitischen Spannungen durch ideologische Vorurteile auf beiden Seiten — hier „Junker" — da „Händler" —, durch feindliche „Perceptionen" des anderen Landes, wie der Modeausdruck heute heißt, die teils schon seit der Jahrhundertmitte und der Bismarckzeit bestanden, teils im Zeitalter Wilhelms II, und gerade auch durch seine Person, sich verfestigten. Die viel berufenen kulturellen Faktoren in Kirchen, Hochschulen, Literatur erscheinen daneben als sekundär, zumal sie sich als ambivalent erwiesen und ebenso trennend wie allenfalls verbindend wirken konnten (neben Lehren von der gleichen Rasse und sprachlicher Verwandtschaft handelte es sich dabei vor allem um die Lehre vom deutschen Sonderweg gegenüber Westeuropa, wie sie von deutschen Philosophen, Staatsrechtslehrern und Historikern gepflegt wurde).
Die Frage, ob zwischen diesen beiden konkurrierenden Mächten am Ende ein Krieg „unvermeidlich" war, lehnt Kennedy als unhistorisch ab. Die einzige Antwort sieht er darin, feststellen zu können, „daß Kräfte und Persönlichkeiten, welche die Ereignisse bestimmten, sich, ob bewußt oder unbewußt, in einer bestimmten Richtung bewegten". Er lehnt es ab, zu behaupten, es wäre von Deutschland „unrecht" gewesen, eine Weltmacht wie Großbritannien sein zu wollen (worin ihm der Rezensent voll beistimmt). Die Frage sei, ob es auch „weise" war, ob es „klug" war, dies Ziel anzustreben, und das in so kurzer Zeit: sei es nun moralisch psychologisch gesehen im Blick auf die „Weltmeinung", die ein Faktor geworden war — oder sei es, gerade gemessen an dem Maßstab der deutschen „Realpolitik", im Blick auf die Erreichbarkeit, das heißt, ohne sich selbst zu isolieren.
Wie kritisch man immer auch die englische Politik im einzelnen beurteilen mag, so bleibt zuletzt Kennedys Feststellung, daß die Positionen der beiden Mächte inkompatibel waren. Der Wunsch Großbritanniens, den Status quo der Welt zu erhalten, und das Verlangen des Deutschen Reichs, die bestehende Verteilung der Macht in Europa und Übersee zu verändern, waren diametral entgegengesetzt, auch wenn auf der deutschen Seite am Ende offensive und defensive Motive sich mischen mochten. Jedenfalls war in diesem Sinne der Krieg nur eine Fortsetzung dessen, was bereits in den letzten 15 oder 20 Jahren vor der Julikrise von 1914 vor sich ging.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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