„Hausgeburt" im Krankenhaus Hier müssen Frauen keine Heldinnen spielen
Wo Kinder „natürlich" auf die Welt kommen: Eine Dachauer Klinik praktiziert Geburtshilfe auf neue Art
Es nützt noch nicht viel, den Kreißsaal Gebärzimmer zu nennen und statt Kacheln Tapeten an den Wänden zu haben. Das Wichtigste ist: Wir müssen die Hierarchie im Kreißsaal auf den Kopf stellen. Nicht der Arzt ist die Hauptperson bei der Geburt, sondern die Frau, die ihr Kind bekommt. Solange es medizinisch zu vertreten ist, bestimmt sie, was jeweils geschehen soll, und wir als Helfer müssen alles tun, um ihre Wünsche zu erfüllen Dies sagt der Gynäkologe, Franz Werner Olbertz, der im Kreiskrankenhaus Dachau eine für deutsche Verhältnisse revolutionäre Geburtshilfe betreibt. Er ist dagegen, den Kreißsaal mit technischen Apparaturen zu überfrachten, so daß er manchmal schon einer Intensivstation gleicht: „Schließlich ist eine Gebärende keine Kranke, keine Patientin. Sie ist eine Frau, die ein Kind bekommt, und das ist doch wohl die normalste Sache der Welt "
Obwohl die Geburtshilfe in der Bundesrepublik den höchsten technischen Standard in anz Europa aufweist, sterben bei uns mehr Kinder bei der Geburt und in den ersten Tagen danach als beispielsweise in Schweden, Norwegen, Finnland, England oder selbst in Holland mit seinem hohen Anteil an Hausgeburten, Viele bundesdeutsche Gynäkologen ziehen daraus den Schluß, es müßten eben noch mehr Apparate her. Danach könnte eine künftige Geburtsmedizin etwa so funktionieren: Am Termin oder in Terminnähe werden die Wehen künstlich ausgelöst, möglichst nicht zur Nachtzeit oder am Wochenende, um die Dienstzeit des Personals einzuhalten. Dann wird der werdenden Mutter ein Katheter in Herznähe geschoben, der die zentralen Venendruckverhältnisse mißt, ein EKG wird abgeleitet. Ein Blasenkatheter mißt Menge und Art des mütterlichen Urins. Diese Werte werden einem zentralen Computer eingegeben, ebenso die Hirnstromkurve des Kindes unter der Geburt. Zwei Magnete am Muttermund zeigen an, wie weit dieser geöffnet ist.
Der Arzt sitzt an einem Terminal und kann 20 bis 30 gleichzeitig ablaufende Geburten überwachen. Hebammen werden zum Teil überflüssig. Fernziel dieser Forschung, die an einigen Universitäten, der Welt schon betrieben wird, ist es, dem Arzt auch noch die letzte Entscheidung abzunehmen: Am Ende soll der Computer bestimmen, wann die Saugglocke, die Zange, wann ein Kaiserschnitt notwendig ist.
Der, rege Zustrom ins Kreiskrankenhaus Dachau aber — und bundesweit in jene Kliniken, die eine „sanfte Geburt" versprechen — scheint darauf hinzudeuten, daß die Geburtstechniker ihre Rechnung ohne die Frauen machen.
„Ich habe nie gedacht, daß es so schnell gehen könnte", sagt die 40jährige Irene, die gerade ihr erstes Kind geboren hat. Vorn spontanen Springen der Fruchtblase bis zu dem Moment,in dem sie ihr glitschiges Baby auf den Bauch gelegt bekommen hat, sind gerade zwei Stunden vergangen. Das Kind schnauft Und grunzt leise. Keiner hat es sofort abgenabelt, an den Füßen hochgehalten, ihm gar einen Klaps gegeben, um es zum Schreien zu bringen.
Angeregt durch die französischen Geburtshelfer Leboyer und Odent, die die „sanfte Geburt" praktizieren ,wartet man in Dachau mit dem Abnabeln, bis die Nabelschnur aufgehört hat zu pulsieren. Das Kind bekommt also noch Sauerstoff durch die Nabelschnur von der Mutter und stellt sich erst allmählich auf die eigene Lungenatmung um.
„Sicher hat es weh getan", sagt Irene, „eine schmerzlose Geburt war das nicht. Aber das hatte mir auch keiner versprochen. Kurz vor Schluß hatte ich das Gefühl, ich schaffe es nicht mehr, aber als mir die Hebamme den Spiegel zwischen die Beine gestellt hat und ich gesehen habe, wie das Köpfchen tiefer kommt, da habe ich noch einmal alle Kraft zusammengenommen — und dann wars auch schon da Ihr Kind, nicht durch Medikamente benebelt, grabscht mit den Händchen, bewegt den Kopf suchend in Richtung Brustwarze. Sie schiebt es etwas höher und es fängt an zu saugen. Irene liegt jetzt mit dem Kind auf der Brust im Arm ihres Mannes auf einem breiten Doppelbett im Gebärzimmer. Zwei solcher Räume, die Wohnzimmern gleichen, gibt ES in Dachau — mit roten Vorhängen, Tapeten und einer Stehlampe, die gedämpftes Licht verbreitet: Das Kind, das monatelang im Dämmerlicht des mütterlichen Bauches gelegen hat, soll bei seinem Eintritt in die Welt nicht durch grelle Lampen geschockt werden. Und um es nicht durch laute Geräusche zu erschrecken, sprechen alle leise und bewegen sich auf Zehenspitzen. „Es war wie eine Hausgeburt im Krankenhaus. Ich fand es schön, daß mein Mann die ganze Zeit bei mir war, daß er mich beim Pressen im Arm hielt. Und ich fühlte mich absolut sicher, denn ich wußte, daß es nebenan einen vollständig ausgerüsteten Kreißsaal gibt, in dem die Ärzte sofort hätten operieren können Das müssen sie selten: Die Dachauer Klinik hat nicht einmal halb so viele operative Entbindungen wie im Bundesdurchschnitt üblich.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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