Geschichten nach dem Kursbuch Hin und Her
Sten Nadolnys erster Roman „Netzkarte 44 / Von w. Martin Lüdke
Drei Anläufe. Z wei Netzkarten. Ein EinfalL Also: dreierlei, in mancherlei Hinsicht — Erstens: Für Wolfgang Hildesheimer war, 1965 allerdings, das norwegische Kursbuch, nebenbei gesagt; „ein gutes Kursbuch", Anlaß und Ausgangspunkt einer Reise, nicht nach Norwegen, nicht nach „Tynset", dem Ort, der seinem Buch den Titel gab, sondern eiaer Reise — in die Imagination, einer Reise aus der Schlaflosigkeit ins Vergessen, in die Beschädigungen des eigenen , Ichs. Tynset war das Ziel einer schon nicht mehr möglichen Flucht — Zweitens: Für Lawrence Sterne waren, noch weitere 197 Jahre früher, die „wirkenden sowohl als endlichen Ursachen des Reisehs", vor allem dank der systematischen Neigungen des Äutorsj ohne :
Schwierigkeiten zu erfassen. Denn, so schrieb Sterne in seiner „Sentimental Journey", wenn geschäftslose Leute ihre mütterliche Heimat verlassen und mit Grund oder Gründen auf Reisen gehen, so kann man solche ans einer von diesen allgemeinen Ursachen herleiten: Gebrechlichkeit des Körpers, Schwachheit des Geistes öder unumgänglicher Notwendigkeit ".
-Drittens; Für einen Jungen deutschen Autor und seinen ersten Roman — Sten Nadolny; „Netzkarte", Roman; Paul List Verlag, München, 1981; 191 S, 25 — DM ist das alles anders, obwohl das Kursbuch auch bei ihrn eine große Rolle spielt, obwohl auch bei ihm die Gründe des Reisens aus den allgemeinen Ursachen herzuleiten sind, die: Sterne dafür besannt hat.
Ziemlich am Anfang des Buches steht nämlich schon die Frage: „Ob ich dieser Reise mehr Sinn geben kann?" Doch am Ende folgt nur die Feststellung: „Ich glaube, es hat keinen Zweck! Soviel ich mir auch notiert habe, ich weiß doch nicht, worum es sich bei meiner Reise gehandelt hat, und die Sprache steht mir nicht zur Verfügung. Aber das macht nichts "
Öle Reuter, der sich zweimal in seinem Leben eine Netzkarte gekauft und jedesmal anschließend wochenlang auf der Bahn gelegen hat, müßte es jetzt, auf der letzten Rückfahrt, eigentlich wissen. Zumal er sich hier, mitsamt seinem Autor, in bester Gesellschaft befindet: Die Reise und ihre Beschreibung stehen am Anfang der Literatur (und "ziehen sich durch die ganze Literaturgeschichte hindurch), und die Sprachlosigkeit, von der Öle Reuter freimütig spricht, markiert ein Ende — nicht de Reisens, nicht der Literatur, aber der „Erfahrung", die beides zusammengehalten hat. Das Fremde ist uns unterdessen so vertraut geworden wie das Vertraute uns fremd geworden ist. Die Urlaubsorte am Mittelmeer unterscheiden sich von den Vors tädten der deutschen Großstädte allenfalls dadurch, daß man sich dort umstandslos deutsch verständigen kann, was in unseren Großstädten schon schwieriger ist. Exotik ist ein Exportartikel und geht in dieser Bestimmung restlos auf. Entsprechend ge- , winnt der Kalauer, mit dem Sten Nadolny manche Seite füllt, die Prägnanz einer trefflichen Diagnose: „Ich komme aus Übersee! Aus Übersee in Oberbayern!" — heißt es auf einem Autoaufkleber, den Öle Reuter entdeckt, nachdem er sich — nur dieser müden Pointe wegen — selbst auf den Weg nach Übersee in Oberbayern gemacht hatte.
Öle Reuter ist äußerst versiert im Umgang mit dem Kursbuch der Deutschen Bundesbahn. Er kennt die Ortsnamen zwischen Traunstein und Westerland. Nur mit den Verhältnissen kommt er so recht nicht zurecht. Sterbfritz und Vögelsen sind ihm eine Reise wert, aber die Aussicht, fast verbeamtet, als Lehrer, in stetig morgendlicher Frische die Ahnenreihe deutscher Kaiser zu repetieren, versetzt ihn schon vorzeitig in Schrecken. Öle Reuter kauft also eine Netzkarte und macht sich auf den Weg. Das Risiko, deshalb durchs Referendärexamen: zu fallen, geht er nicht nur bewußt und gewarnt, sondern, gezielt ein. Nur seine Reise, kreuz und quer, bleibt ziellos. Daran ändert auch die fixe Idee nichts, ausgerechnet einen Ort namens Jerxheim und dort dann die dortige Bäckerei zwecks Inaugenscheinnahme der dazugehörigen BäckerstoChter aufzusuchen. Wiewohl ziellos, bleibt die Reise nicht zweckfrei: Öle Reuter sucht nämlich stets Anschluß, bei den Zügen, den Bahn- und Postbussen so gut wie bei den jüngeren Damen, die sieh solcher Verkehrsmittel bedienen.
Das ewige Hin und Her, die emsige. Suche nach Anschlußzügen und nach Mädchen für eine Nacht, die flüchtigen Eindrücke zahlloser Bahnhofsvorplätze, die Vergleiche der Dachkonstruktion des Frankfurter und des Stuttgarter Hauptbatmhofs — all das scheint den Helden weit weniger zu ermüden als den Leser, der deutsche Geofraphie paukt und nebenbei erfährt: „Wasserurg — Das liegt am Inn, ttnd zwar in einer Schleife Mannheim — ehemals eine kurpfälzische Residenz", glaubhaft wird versichert: „In Cuxhaven herrscht Nebel "
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



