Kernenergie Hoffnung auf Wiederauferstehung

In der „Leichenhalle" des GHH-Konzerns stapeln sich fertige Bauteile für Atomkraftwerke Von Heinz-Günter Kemmer

Im Firmenjargoh heißt sie die „Leichenhalle". Betritt man sie, so liegt links Hamm, rechts Grohnde. In der Mitte ist noch Platz für Biblis C und Philippsburg 2. Aber was da auf dem Gelände der Gutehoffnungshütte in Oberhausen Sterkrade in einem Stahlskelettbau mit Wellblechverkleidung gelagert ist, sind eigentlich keine Leichen. Eher könnte man sagen, daß die dort auf starken Fundamenten deponierten Kernkraftwerkskomponenten lebendig begraben sind. Denn sie haben durchaus noch die Chance, eines Tages ihren ursprünglichen Zweck zu erfüllen. Für Hans Dieter Meissner, Vorstandsmitglied bei der GHH Tochter MAN und für den Unternehmensbereich Sterkrade zuständig, ist das nur ein schwacher Trost. Als wir 1973 mit der Kraftwerk Union eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Schwerkomponenten für Kernkraftwerke abschlössen", sagt er ein wenig resignierend, „glaubten wir eine feste Grundlage zu haben: Das Energieprogramm der Bundesregierung".

Im Vertrauen darauf richtete die schon seit 1963 auf dem Kernkraftwerksgebiet tätige GHH in Sterkrade einen Teil der riesigen Werkshallen für den Bau von Kernkraftwerkskomponenten her und stellte sich auf zwei bis zweieinhalb „Sätze" jährlich ein. Dabei besteht jeder Satz aus einem Reaktordrückgefäß und vier Dampferzeugern.

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Das Ganze ließ sich zunächst gut an; aber schon bald tauchten die ersten Schwierigkeiten auf. Wurde die auf drei Jahre geplante Durchlaufzeit für einen einzelnen Auftrag beim Auftakt mit dreißig Monaten noch unterschritten, so zog sie sich bald mächtig in die Länge. Heute sind sechzig Monate normal; Prüfungen über Prüfungen verlängerten die Zeit zwischen Fertigungsbeginn und endgültiger Abnahme immer mehr. Die Kosten für die Prüfungen sind inzwischen höher als die Produktionskosten.

Von den Sechzig Monaten beansprucht die reine Fertigungszeit nur ein Drittel; ein weiteres Drittel geht für Prüfungen drauf und das letzte Drittel für die Diskussion der Prüfergebnisse, an deren Ende dann die Freigabe steht. Und Lutz Bieler, Abteilungsdirektor der Produktabteilung nuklearer Apparatebau", ergänzt: „Früher haben wir eine Schweißnaht aus sieben verschiedenen Winkeln mit Ultraschall geprüft, heute sind es 27 Winkel "

Dabei beklagt man sich bei der GHH nicht einmal über diesen von den Abnahmebehörden geforderten Perfektionismus. Man akzeptiert durchaus die Ängste, die einen großen Teil der Bevölkerung bei der Konfrontation mit der Kernenergie befallen, und ist bereit, alles nur Erdenkliche für einen hohen Sicherheitsstandard zu tun. Aber was man sich wünscht, ist eine Verkürzung der dritten Phase, der sogenannten Totzeit. Das wäre möglich, wenn man für die fertigungsbedingten Fehler, die bei jedem Produkt auftauchen, einen „Standardreparaturplan" aufstellen und nicht jedesmal von neuem über ihre Behebung diskutieren würde.

Die Verlängerung der Durchlaufzeiten hat den GHH Konzern nämlich viel Geld gekostet. Da Druckgefäß und Dampferzeuger 150 bis 200 Millionen Mark kosten, macht es schon einen Unterschied, ob man das Geld für Material und Fertigungslöhne nach drei oder erst nach fünf Jahren wiedersieht. Einen dreistelligen Millionenbetrag hat Sterkrade nach Meissners Eingeständnis bisher bei der Fertigung von Komponenten für Kernkräftwerke eingebüßt.

Das liegt allerdings nicht allein an den verlängerten Durchlauf Zeiten. Die lassen sich beim Preisangebot für neue Aufträge einkalkulieren. Was aber überhaupt nicht auf der Rechnung stand, war der faktische Baustopp für Kernkraftwerke. So erhielt die GHH mit der Bestellung der Komponenten für den Block C im RWEKraftwerk Biblis 1975 den letzten Inlandsauftrag; aus dem Ausland kamen zuletzt 1977 Aufträge für zwei komplette Sätze aus Brasilien. Und die Argentinier bestellten 1980 Teile für ihr Kraftwerk Atucha II.

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