Ich bin besorgt um den Geist des Dienens

Spaziergänge mit Prominenten - Für General a. D. Johannes Steinhoff grenzt es an ein Wunder, daß die Nato noch existiert / Von Ben Witter Der Vier-Sterne-General a. D. Johannes Steinhoff, heute 68 Jahre alt, kam in der Bundeswehr zu großem Ansehen, als er Mitte der sechziger■JahredieStarfighter-Krise meisterte. Der hochdekorierte Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs gehörte zu den ersten Offizieren,

Johannes Steinhoff muß sich auf seine Stimme konzentrieren, deshalb hält er Gesten kurz. Und jedes Wort massiert seine ausgebesserte Lippenmuskulatur. Nach über siebzig Gesichtsoperationen hat sich sein Sinn für Details zugespitzt. Nur seinen Aquarellen über den Biedermeiermöbeln sieht man an, wie er auch Grenzen verschwimmen lassen kann. Nachmittags reitet er nicht weit von seinem weißen Spitzdachhäus in Wachtberg Pech bei Bonn, um in Schweiß zu geraten, ohne daß es jemand sieht.

Und noch ein Gesicht kam dazu: gelblichweiß, geschwungene Lippen, silbergrau getöntes Haar; die vorstehenden Backenknochen bilden eine Wehr. Frau Steinhoff mußte mit den beiden Kindern aus Pommern vor den Russen flüchten und hatte ihren eigenen Krieg gehabt. Steinhoff will endlich alles darüber hören, doch sie sagt ihm kein Wort. Jetzt wartet sie auf eine Herzoperation, Und er glaubte, mit allen Ängsten längst, fertig zu sein.

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„Heute ist Freitag", sagt er, „und da kann man über alles reden Ob ihm sein Gesicht auf dem Wege zum Inspekteur der Luftwaffe bis zum Vier Sterne General in Brüssel nicht auch Dienste geleistet hätte als eine Art wandelndes Mahnmal des besiegten deutschen Schreckens? Monoton sagte er das auf: „Da ist bestimmt etwas dran. In Brüssel fragte mich eine Dame: Sie sind doch ein so netter Kerl, wie konnten Sie bloß den Hitlerkrieg bis zum Schluß mitmachen? Wußte ich es denn selbst genau? Man wurde mit Gefühlen korrumpiert und in die Schlacht geschickt. Aber war das eine Antwort? .

Und man war jung, und als Flieger hatte ich den Zweikampf; das waren Duelle, und wie nach Duellen so üblich, blieb auch hierbei ein gewisser Stil gewahrt: Im Casino gab es nachher Champagner, die Trauer über gefallene Kameraden wurde heruntergespült, der lässige Sitz der Uniform stellte nicht die Brust raus, und der Tod, na ja, der hocktö auf den leergebliebenen Stühlen. Nach der richtigen Antwort suche ich immer noch "

Der Mund nur noch ein Sprachrohr, die Stimme dunkel gehalten, das Gesicht durch Nähte festgezurrt. Wo fand ich eine Landschaft dafür? Es ging bergauf. Steinhoff trat mit den Fußspitzen zuerst auf, berechnete jede Distanz, und auf einem Hügel mit angepflanztem Gras, von dem aus es sich lohnte, lange ins Tal zu blicken, bildete ich mir ein, Johannes Steinhoff wieder in sämtlichen Uniformen seines Lebens zu sehen und redete von Orden und Schulterstücken. Er blieb sofort stehen: Ich habe mich für eine Änderung der Uniformen eingesetzt: Ärmelstreifen als Rangabzeichen wie bei der Marione, und die Tätigkeitsabzeichen auf der Brust. Afeer das Offizierskorps war dagegen. Es repräsentiert heute den Querschnitt der Nation, ist fast ausnahmslos mit Laufbahndenken beschäftigt, und jeder fühlt sich als Beamter sicher. Generale als bloße Rechenschiebersoldaten? Sie sollten, soweit sie noch persönliche Erfahrungen haben, wenigstens immer wieder weitergeben, wie furchtbar der Krieg ist. Einige jedoch halten die Atombombe für eine mathematische Größe "

Wir gingen auf einen Wald zu. Zwischen hohen Stämmen klobige und vernarbte Baumstümpfe. Der Bauer nutzt sie, indem er nachwachsende Äste regelmäßig abschlägt und als Brennholz verwendet. Ich blickte auf den Grashügel hinter uns, stellte mir dort plötzlich ein öffentliches Gelöbnis vor und fragte Steinhoff, was man dabei spielen sollte. Vielleicht das „Lied vom guten Kameraden" und; danach das Deutschlandlied. Denn worauf überhaupt könne sich der Soldat am besten verlassen? Auf seinen Kameraden und auf seine Heimat hoffentlich auch " , Steinhoff sagte: Gar nicht dumm "

Solche unentwegt glotzenden Baumstümpfe kannten wir ja schon vom Krieg her „Und Westdeutschland als Schlachtfeld und Bollwerk, würden sich unsere ehemaligen Feinde und heutigen Verbündeten dahinter nicht erst mal sagen: Und nun müssen sie noch einmal zahlen, endlich geht die Rechnung auf — und dann rechtzeitig abwiegeln und ihren eigenen Frieden machen. Fragt sich das nicht gerade irgendein Abiturient, der als Gefreiter in Reih und Glied steht?"

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