Ich bin des Geldes wegen da

Der Junge in der ersten Bank trägt einen biblischen Namen, Stephan, den Namen eines der ersten Christen. Neben ihm Olaf und Volker. Sie spielen Karten. Ich spüre es, ohne es genau zu sehen. Sie gehören zur ersten Konfirmandengruppe, die ich nach Jahren wieder führe. Sie sitzen vor mir im zweiten Gottesdienst für Konfirmanden, den ich seit Beginn des Kurses anbiete. Ich habe bewußt die Kanzel nicht bestiegen. Ich spreche vom Lesepult aus. Ich stehe kaum drei Meter vor den Jungen.

Ich habe mir viel Mühe mit der Vorbereitung gemacht. Mehr als an anderen Sonntagen. Ich spreche gerade über die Frage, wem man vertrauen dürfe und wie wohl Klarheit darüber zu erhalten sei. Ich spüre, daß die drei in der ersten Reihe ganz woanders sind. Ich spreche es nicht an, weil ich die Gemeinde nicht verschrecken oder gegen die Jugendlichen aufbringen will. Auch denke ich: Vielleicht dringt irgendeins von meinen Worten doch noch durch zu ihnen und holt sie wieder in den Gottesdienst hinein — Wieder? Ich erinnere mich an meine eigene Konfirmandenzeit und wie mir manche Predigt sauer wurde. Aber der Anfang ist immer bei mir angekommen. Ich war bereit zum Hören. Manchmal konnte ich es bis zum Schluß durchhalten, manchmal auch nicht. Ich habe es versucht. Andere hören mir zu. So lasse ich es bei diesem Stand der Dinge — während der Predigt. Erst nach dem Gottesdienst, als jeder sich von mir verabschiedet, spreche ich die drei an. Stephan fühlt sich am meisten herausgefordert. Er sagt sofort: „Was wollen Sie? Wir kommen doch hier bloß her wegen der Konfirmation, damit das läuft. Zum Unterricht genauso!" — Und was liegt euch so an der Konfirmation?" „Ist doch klar, das Geld!" Volker ergänzt: „Ich will ne Mofa!" Olaf fügt hinzu: „Machen doch alle nur deswegen!"

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Der Anlaß — Kartenspiel vom ersten Satz 4er Predigt an —> ist fast vergessen. Dies hier geht tiefer. Ich frage mich, wie ernst ich sie jetzt nehmen soll. Doch einer fragt nochmal: „Was wollen Sie denn überhaupt?" Ich sage: „Daß ihr euch selbst nicht auf dem Altar opfert! Daß ihr gerade bleibt! Daß ihr nicht heuchelt!"

In meinem Kopf reift der Entschluß zu einem Elternabend. Dies kann ich nicht alleine packen. Mir war vorher nicht klar, was vor sich geht. Ich sehe mich sie konfirmieren und fühle, wie sich alles in mir sträubt. Ich sehe noch einmal yor mir, wie sie Karten spielen bei der Predigt, und spüre plötzlich: Das war nicht geheuchelt. Ich sehe auch mich selbst damals bei meiner eigenen Konfirmation und weiß, ich habe mich vielleicht etwas übernommen; manch unechtes Gefühl var mit dabei. Aber ich habe nicht geheuchelt. Religion hat mich mitunter auch zurückgeworfen damals, Reflexe und Reflexionen gefördert, die mir auch geschadet haben. Sie hat mich aber nicht gebrochen, nicht kaputt gemacht. Ich konnte gerade, aufrecht bleiben. Ich kanns bis heute. Und anders will ich keinen konfirmieren. Das wird mir klar.

Ich frage meinen Sohn, der auch dabei ist in der Gruppe. Er wird gewiß nicht Pastor werden, wird die Generationenkettedie seit dem SOjälirigen Krieg in lückenloser Folge lutherische Theologen hervorgebracht hat, in aller Wahrscheinlichkeit nicht fortsetzen. Er reagiert auch anders als ich damals. Aber er hat Interesse am Unterricht, am Fragen und Antworten. Ihm macht es Spaß, Er wird aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, wenn er sich konfirmieren läßt. Er folgt da keinem anderen Motiv.

„Was wollen Sie von uns und von den Jugendlichen?" fragen mich auch die Eltern, die überraschend zahlreich zum Elternabend gekommen sind. Sie reagieren etwas beunruhigt auf das, was ich ihnen vortrage. Es hat sie wohl bisher kaum einer nach der Ehrlichkeit der Kinder gefragt. Und sie sich auch nicht. Sie haben auch die Kirche und den Konfirmandenunterricht bisher nicht so erlebt, daß diese Frage sich ihnen stellte. Sie ahnen aber, was ich meine. Sie schwenken zögernd darauf ein.

Wie lange geht dies Spiel wohl schon? Wie viele Generationen? Konfirmieren und Konfirmiertwerden und Konfirmierenlassen ohne gerades „Ja"? Was waren ihre Fremdmotive? Vielleicht, daß es sich so gehöre? Anpassung an das Bedürfnis nach wiederherzustellender Wohlanständigkeit in den Nachkriegsjahren— im Wiederaufbauwunderland?

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