Ich merke mich nur im Chaos

Ein Gespräch mit Thomas Brasch Von Fritz J. Raddatz

Nachdem gerade Ihr Film angelaufen ist, will ich Sie — vielleicht auch mich selber — zur Arbeitsmethode des Autors Brasch befragen. Für mich schien es das Erobern oder Erkämpfen einer neuen lyrischen Dimension, was Sie mit dem Film versucht haben und meiner Meinung nach sehr gelungen ist. Ich hatte schon bei dem letzten Gedichtband, übrigens auch schon bei „Kargo", das Gefühl, das will sich auch optisch äußern. Vielleicht kein Zufall, daß bei „Kargo" Photos dabei sind, die nie illustrierende Bilder, sondern widerläufige Bilder sind, jedenfalls eine optische Irritation versuchen. Das Sparsame des Dialogs in diesem Film, ganz stark auf Bild, nicht auf Sprache Gebaute scheint mir etwas mit Lyrik zu tun zu haben.

Thomas Brasch: Ich glaube, daß es zuerst mal ein Film ist, nicht, daß es etwas mit Lyrik zu tun hat. Filme sind zuerst mal Bilder und nicht Sprache, Sprache ist nur da, wo Bilder nicht mehr ausreichen und wo sie unbedingt nötig ist. Das Problem war für mich, daß ich die Geschichte nur in Bildern erzählen wollte, und daß die Leute, die da gezeigt werden, eigentlich welche sind, die sich kaum sprachlich artikulieren. Aber sowohl in Ihren Gedichten wie auch in anderen Arbeiten verweigern Sie konsequent, was man so schön „Botschaft" nennt. Sie wollen nicht belehren, Sie wollen nur einen Zustand mitteilen oder verdeutlichen. Das meine ich, wenn ich hier eine Verbindung zwischen Ihrer lyrischen Arbeit oder lyrik ähnlichen Prosa Arbeit und dem Film sehe.

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Brasch: Da würde ich Ihnen recht geben. Ich glaub auch, daß dieser Film mehr mit Gedichten zu tun hat als zum Beispiel mit meiner Arbeit fürs Theater. Was ich versucht habe, ist eine Ballade über den Tod; einer, der den Tod bringt — also der Scharfrichter —, und einer, der Junge, der den Tod sucht „Botschaft" — ich kann nicht über den Film hinaus etwas mitteilen wollen. Artikel oder Reden oder Flugblätter sind da geeignetere Mittel. Vielleicht ist das ein sehr konser- vativer Kunstbegriff, aber ich glaube, daß über das hinaus, was man herstellt, eigentlich nichts zu etwas anderem weist.

Kunst war nie ein Mittel, die Welt zu ändern, aber immer ein Versuch, sie zu überleben, formulierten Sie mal. Das ist eine Position konträr etwa der von Brecht.

Brasch: Brecht war in einer Not. In seiner Situation mußte er sich tatsächlich einreden — sonst hätte er nicht überleben können —, daß seine Kunst zu etwas anderem taugt. Das war eine Existenzfrage für ihn. Der Satz von Brecht die Welt als eine veränderbare darzustellen, ist eine änderbare, das weiß jedes Kind. Was ich ja erst mal eine Platitüde. Natürlich ist die Welt beschreibe, ist immer etwas, was sich ändern wird. „Leben heißt Fahren im Kreis" heißt es in einem Gedicht "von Ihnen. Darauf will ich hinaus; nicht darauf, daß Sie sagen, meine Literatur ist dazu da, um zu — die Um zu Vorstellung ist natürlich immer albern, falsch und banal. Ich frage: sickert dieses Grundsätzliche, dieses WeltBegreifen, Leben Begrelfen nicht ein ins Detail der Schreibweise, Bildersetzweise, Erzählweise? Nicht nur Ihre Gedichte — Ihre ganze Schreibweise, jetzt auch der Film, haben etwas Statisches.

Brasch: Ich muß wirklich sagen, daß Sie mehr über die Dinge denken, die ich mache, als ich selber, und daß ich — und das ist jetzt keine Koketterie — mir auch eine bestimmte Portion Dummheit erhalten will und erhalten muß, um mich nicht selbst anzusehen wie der Psychiater den PatientenWenn ich mehr über das, was ich über ein Gedicht weiß, als in dem Gedicht steht, oder über einen Film weiß, als in dem Film zu sehen ist: dann ist es ein schlechtes Gedicht und ein schlechter Film. Ich glaube, es muß alles darin s ein, was ich über den Gegenstand weiß. Also das Gedicht „Die Motorradfahrer" zum Beispiel, das Sie ja meinen: Leben ist Fahren im Kreis": ich weiß tatsächlich in dem Augenblick, wo ich es schreibe, und sicher auch noch zwei Jahre später nicht mehr als das, was da steht. Wenn mich jemand fragt, was genau haben Sie gemeint oder warum haben Sie es so und nicht anders formuliert, werde ich hilflos wie ein Klippschüler dastehen und nichts eigentlich dazu hervorbingen können außer Stottern weil mein Bedürfnis in dem Gedicht erschöpft ist, mein Bedürfnis zur Äußerung - mein Bedürfnis zu der Geschichte oder zu dem Film ist tatsächlich mit dem Film erschöpft.

Ich erwarte auch keinen Slalom von Bedeutungen mit Erklärungswimpelchen, Ich meine, daß ein Weltgefühl, das ja jeder von uns hat, einsickert in eine Art von Literatur, in das fügen von Metaphern oder Verweigern von Metaphern, in das Ineinanderfügen von Bildern. Ein anderes Beispiel: Als ich Sie nach diesem von mir provozierten oder initiierten Dialog zwischen Kunert und Biermann fragte, würden Sie dazu noch etwas sagen, schreiben wollen, antworteten Sie: „Ich könnte ja nicht mehr als den einen Satz sagen — Kunert hat recht Ich will diesen Satz jetzt nicht zu einem Gedicht stilisieren, aber da" mit haben Sie doch ein Konzept, eine Verhaltensweise gegenüber dieser "Welt zugegeben.

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