EinSchweizer Erzähler Im Bann der Familie

Christoph Geisers Romane „Grünsee 44 und „Brachland 44 / Von Christoph Neidhart

Sein Land abschreitend, mußte mein Vater, den Grenzstein, den er mir zeigen wollte, verborgen im hohen Gras am Abhang, lange mit dem Fuß suchen: Der Grenzstein, die Landmarke, ein kurzer, orange gestrichener Plock, ist meinem Vater wichtig. Er ist Landbesitzer geworden "

Ein Kinderarzt zieht sich aufs Altenteil zurück, vertauscht den weißen Kittel und die dunklen Anzüge mit verdreckten Jeans, die noble Altstadtwohnung, mit einem brachliegenden Landsitz im Elsaß. Unbeholfen haust er nun allein, er, der sich ein Leben lang bedienen ließ. Ein großbürgerlicher Aussteiger — und also kein wirklicher eher ein Flüchtender vor Alter und Eheproblemen, vor Erkenntnis und Gefühlen. Der Sohn besucht den einsamen Vater. Er erzählt im neuen Roman von — Christoph Geiser: „Brachland", Roman; Benziger Verlag, Köln, 1980; 280 S, 32 — von der versuchten Begegnung, die äußerlich bleibt. Die Versöhnung scheitert; man trennt sich förmlich, in sprachloser Höflichkeit. Beider Unvermögen, sich dem ändern zu öffnen, ist dem Erzähler Anlaß, den Verfall seiner Familie aufzuarbeiten. Die Menschenverachtung des Vaters, seine Gefühlsarmut und die Erinnerung an sein herrisches Patriarchat erschrecken Geiser ebenso wie der Opportunismus des schnoddrigen, karrieregeilen Bruders. Nur von der Mutter (und der Haushälterin) entwirft er ein positives Bild. Eine Abrechnung mit dem Vater also, wie sie uns in neuerer Zeit verschiedene Autoren vorlegten? Der Kinderarzt Geiser ist, ähnlich dem TierarztSchutting (Jutta Schutting: „Der Vater"; Residenz Verlag), einem überholten beruflichen Standesbewußtsein verhaftet. Beide waren grob und rücksichtslos. In seinem „Suchbild über meinen Vater" (Ciaassen Verlag) schrieb Christoph Meckel: „Sie wußten noch nicht, daß diese Vaterschaft — der entthronte, hilflos gewordene Despot — bezeichnend war für eine ganze Generation", was, auch ohne das prägende Kriegserlebnis der Väter von Meckel, Schutting und Härtling („Nachgetragene Liebe"; Luchterhand Verlag), auf Geisers Vater ebenfalls zutrifft. Dennoch ist „Brachland" kein „Vaterbuch", sondern mehr als das. Zusammen mit dem ersten Roman von — Christoph Geiser: „Grünsee", Roman; Benziger Verlag, Köln, 1979; 275 S, 28 80 DM; Ullstein Taschenbuch, 26026; 5 80 DM erzählt „Brachland" die turbulente Geschichte einer Familie über drei Generationen. Nach Zermatt gekommen, um Material für ein geplantes Buch über die Typhüs Epideini von 1963 zu sammeln, geraten dem Autor die Recherchen unversehens zur Befragung der eigenen Vergangenheit. Geiser wandert, im Schatten des weltberühmten und weltweit vermarketeten „Berges, der sich alles gefallen läßt", auf den Wegen seiner Großmutter. Er wohnt in ihrer Ferienwohnung und zeichnet ein reich nuanciertes Porträt der alten Dame. Angesichts der Freunde seines Bruders, die so fressen, „die Ellbogen auf lern Tisch, den Kopf tief über dem Teller", wie er nie essen durfte, sehnt sich der Erzähler nach der zurückhaltenden aristokratischen Art, mit der die Großmutter dem Ferienhaushalt vorstand. Ist es in „Grünsee" die Großmutter, von der er schwärmt, so bewundert Geiser in seinem zweiten Roman die Mutter. Eine starke Frau auch sie; selbstsicher, bestimmt und, wie sie sich selber charakterisiert wissen möchte, emanzipiert. Statt zu Damenkränzchen einzuladen, versammelt sie feministische Theologinnen. Ihr Leben ist karitativer Tätigkeit gewidmet. Daß sie vor dem Vater, kuschte, die Kinder zu kriecherischer Devotion vor ihm anhklt und so des Vaters launische Tyrannei erst ermöglichte, mindert die Verehrung des Sohnes für sie nicht. Eine unglaubwürdige Feministin? Eine Dame, die sich den kleinen Luxus Feminismus, immer im standesgemäßen Rahmen und ohne wirkliche Konsequenzen, leisten kann, so, wie ihre Malerei. Frauenbewegung als Mode arrivierter Intellektueller, zum Schaden ihrer Sache. Die unmäßige Überhöhung der Mutter, zum Teil auch der Großmutter, böte Stoff für eine Schnulze; doch drohen solche Gefakren nicht, dank der Qualität von Geisers Sprache. Wozu stöbere ich in Geisers Ahnengalerie? Was kümmert mich das Luxuselend eines anachronistischen Großbürgertums? Geiser des Exhibitionismus zu bezichtigen, wäre nicht verfehlt; aber Leichtigkeit seiner Sprache und noble Diskretion ersparen ihm diesen Vorwurf: „Nach dem schwarzen Kaffee schlage ich vor, Domino zu spielen, damit wir, beide, schweigen dürfen, nachdem alles, was man erzählen kann, gesagt ist " Seine gestalterische Übersicht befähigt Geiser, komplexe Bilder langsam, scheinbar beiläufig zu entwickeln. Unvermittelt wird die Skizze zur Metapher. Ein genauer sprachbewußter Beobachter.

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Welcher Dreißigjährige — außer Geiser — wollte sich heute noch entsetzen über ein „voreiliges allgemeines Du" unter jungen Menschen, die gemeinsame Ferien verbringen? Der Autor meldet den Verfall seiner Familie, die Unversöhnlichkeit und die Isolation der Menschen. Ihre Wege haben sich getrennt: eine schmerzliche Erkenntnis. Eine Absage erteilt er seinem Elternhaus nicht. Wohl beklagt er die Lieblosigkeit des Vaters und widerspricht, wenn dieser vulgärfaschistoide Sprüche seiner reichen Golffreunde nachbetet. Doch zum Bruch kommt es nicht. Die Äußerlichkeiten seiner Jugendzeit verinnerlicht "er schon: Er macht die Zeitangabe „zur Teezeit" und ist froh, „jemanden zu haben, der ihm die schmutzige Wäsche wäscht".

Lakonisches Berichten und Ironie sind als Gesellschaftskritik jedoch zuwenig, zumal Geisers Ironie dort am bissigsten wird, wo sie den kleinen Bruder trifft, den mächtigen Rivalen seiner Kinderzeit. Ein sensibler junger Autor, dessen Heimweh stärker ist als sein Wunsch zur sozialen Verweigerung. Die Geborgenheit, die ihm als Kind versagt blieb, sucht er dort, wo er sie schon als Kind nicht erhielt: bei den Eltern.

Dennoch: Geiser lesen, ist ein Genuß. Seine Spaziergänge in Zermatt, sein Einstieg in „Brachland", sich sonnend in einem Berner Freibad, und seine Schilderungen baslerischen Lebens vereinigen Authentizität und Präzision einer Reportage mit der Schönheit von Lyrik.

 
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