Zuerst pflegt Adorno zitiert zu werden. Der hat in seinem Nachruf auf Siegfried Kracauer behauptet: „Er hat die Filmkritik in Deutschland überhaupt erst aufs Niveau gebracht, indem er den Film als Chiffre gesellschaftlichen Tendenzen, von Gedankenkontrolle und ideologischer Beherrschung las. Seine Art, den Film zu betrachten, ist längst anonym geworden, die gleichsam selbstverständliche Voraussetzung aller Reflexion über das Medium.“ Und von Leuten, die sich direkt auf Kracauer berufen, pflegt mit Vorliebe ein Satz zitiert zu werden: „Kurzum, der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.“

Gegen beide Sätze wäre nichts einzuwenden, würden Kracauers unbegabtere Nachfolger nicht einen so fürchterlichen Gebrauch von ihnen machen: indem sie sich auf den einen berufen, um den jeweiligen Film nur noch als Chiffre für etwas anderes, Eigentliches, zu sehen; und auf den anderen, um vergessen zu können, daß ein Filmkritiker, um Gesellschaftskritiker sein zu können, zunächst einmal Filmkritiker sein muß. Die Frage, was ein Lehrer für seine Schüler kann, stellt sich bei Kracauer ernsthaft.

„Von Caligari zu Hitler“ ist 1947 erschienen. In Amerika, auf amerikanisch. Und tatsächlich wohl: dem Dasein abgerungen. Diese Divergenzen: In Deutschland Leiter des kulturpolitischen Ressorts der Frankfurter Zeitung – „Benjamin riet mir“, berichtet Asja Lacis, „Filme von Wertow und von Schub dem Kracauer zu zeigen. Wenn sie ihm gefallen, dann sind Wertow und Schub für Deutschland Stars... er sah den Film zuerst mit Aufmerksamkeit, dann mit Begeisterung. Einige Tage später veröffentlichte die frankfurter Zeitung den Aufsatz Kracauers über das sowjetische Kinooko eine Lobeshymne ... Der Erfolg in Deutschland befestigte die Position der Dokumentaristen in der sowjetischen Kunst.“ Und jetzt in Amerika: angewiesen auf irgendwelche Stipendien irgendwelcher Stiftungen.

Erst elf Jahre nach seiner amerikanischen Erstveröffentlichung erscheint das Buch auf deutsch, bei Rowohlt: in einer so berüchtigten, weil zensierend verstümmelten Fassung, daß sogar jetzt noch, da das Buch in einem anderen Verlag und vollständig erscheint, der Herausgeber Karsten Witte vorsorglich Gerüchten entgegentritt, die das späte Erscheinen mit einer „Hinhaltetaktik“ des Verlags erklären. Erst jetzt also, mehr als dreißig Jahre später, liegt „Von Caligari zu Hitler“ zum erstenmal auf deutsch vor, vollständig, mit einem Anhang „Propaganda und der Nazifilm“ und einem zweiten, „Filmkritiken 1924 bis 1939“.

Und jetzt, was fangen wir damit an?

Das Zentrum der Kracauerschen Filmgeschichtsschreibung ist die These, daß der deutsche Film die in den Faschismus mündenden autoritären Dispositionen des Volkes spiegele: Rettungslos der Regression verfallen, mußte die Mehrheit des deutschen Volkes sich einfach Hitler ergeben. Da Deutschland so verwirklichte, was in seinen Filmen von Anfang an bereits angelegt war, nahmen die Leinwandgestalten tatsächlich Leben an. Als personifizierte Tagträume, die Köpfen entsprangen, denen Freiheit ein tödlicher Schock und das Jungsein ständige Versuchung bedeutete, füllten diese Figuren die Arena im Deutschland der Nazis. Der leibhaftige Homunculus ging um. Selbsternannte Caligaris hypnotisierten zahllosen Cesares Mordbefehle ein. Rasende Mabeus begingen wahnsinnige Verbrechen und gingen straffrei aus, und irre Iwans erdachten unerhörte Folterungen. Viele von der Leinwand her bekannte Motive wurden in dieser unheiligen Prozession zu lebendigen Ereignissen. In Nürnberg erschien das Ornament der Masse aus den „Nibelungen“ in gigantischen Ausmaßen: ein Meer von Flaggen und Menschen, die kunstvoll ausgerichtet waren.“

Dies also die Summe der vier Kapitel (1. Die Frühzeit 1895–1918; 2. Die Nachkriegszeit 1918–1924; 3. Die Stabilisierungszeit 1924 bis 1929; 4. Die präfaschistische Zeit 1930 bis 1933): Die Wirklichkeit hat das Kino eingeholt, das Kino hat die Wirklichkeit vorweggeträumt. Das Abgebildete ist mit dem Abbild identisch geworden. Die These hat sich also als richtig erwiesen.