Kritik in Kürze

„Neuestes Conversations Handbuch für Berlin und Potsdam" von Leopold Freiherr von Zedlitz. Bestimmt war es „zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände", aber das war 1834. Der Nachdruck dieses berühmten Stadtlexikons lädt zwar nicht mehr zur nützlichen Tagesanwendung ein, dafür aber zum spannenden Quellenstudium der Berliner Geschichte, denn „die Beschreibung oder Nachweisung alles Wissenswerthen der Oertlichkeit, mit besonderer Berücksichtigung der Beziehungen der Hauptstadt zu den Provinzen" umfaßt von der „Ableitung des Namens und die Entstehung von Berlin und Potsdam" bis zur „Uebersicht sämmtlicher Zeit, Flug- und Monatsschriften, die im Jahre 1835 in Berlin erschienen" wirklich alles „Wissenswerthe" aus dem Hauptstadtleben im 19. Jahrhundert. Wobei sich manche Anmerkung höchst aktuell liest: „Ausverkauf; so nennt man eine in der neueren Zeit auch in Berlin viel versuchte merkantilische Spekulation, begründet auf die Hoffnung, unter dieser Firma alte und neue Waren möglichst schnell abzusetzen;, Oft werden einzelne Artikel als von besonderer Güte und Preiswürdigkeit bezeichnet, fragt man aber an Ort und Stelle nach ihnen — so sind immer so eben die letzten Exemplare verkauft worden, und ihr Verkauf ist oft schon aus, ehe der Ausverkauf angefangen hat (Arani Verlag, Berlin; 840 S , 128 — DM ) Manuela Reichart „Mr. Tompkins seltsame Reisen durch Kosmos und Mikrokosmos", von George Gamov. So sind Sachbücher zu naturwissenschaftlichen Themen höchst selten verfaßt: allgemein verständlich, anschaulich, gar noch amüsant. In 15 :

illustrierten Kapiteln vermittelt uns der russischamerikanische Physiker Gamov (1904 — 1968) neuere Erkenntnisse der Atom- und Astrophysik. Dabei führt uns sein phantasiebegabter Held C. G. H. Tompkins in das „Land der Relativität", spielt „Ojtantenbillard" oder besucht das heitere „Volk der Elektronen", wo Bindungen gereimt empfohlen werden: „Magst Du- nen Partner, hübsch und fein, so spring in Chlor, und er ist Dein (Vieweg Verlag, Braunschweig, 1980; 184 S, 24 80 DM ) Werner Hömung „Hier und fort", Gedichte von Lotte Paepcke. Es gibt literarische Arbeiten, deren Bedeutung ist mehr von moralischer als von ästhetischer Art. Zu ihnen gehören die Gedichte Lotte Paepckes, Texte, über die Christoph Meckel, selber ein Seismograph des Gewissens, im Nachwort bemerkt, sie seien „das Ergebnis dessen, was ein Mensch ein Leben lang verkörperte und zu verkörpern gezwungen war: eine deutsche Jüdin zu sein". Die Autorin, 1910 in Freiburg im Breisgau geboren, hat in ihrem Buch „Unter einem fremden Stern" Zeugnis ihrer bedrohten Existenz im Deutschland der Hakenkreuze | abgelegt. Die Nachwirkungen, schwere Depressionen, stellten sich erst nach dem Krieg ein. Doch Vermag die Lyrikerin anders als manch weniger Belastete ohne Weinerlichkeit auszukommen, so wie sie auch Weitschweifigkeit meidet. Hier spricht der Schmerz mit leiser und überzeugender Stimme durch den Mund einer Frau, die ihr Schicksal in verständlichen Chiffren, wenn auch nicht immer in originären Sprachbildern, zu benennen versteht (Hase & Koehler, Mainz, 1980; 62 S , 7 20 DM ) Hans Jürgen Heise

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