Ausstellung: Adolph Menzel in der Kieler Kunsthalle Malerei im Großen
Und über tausendmal der Alte Fritz /. Von Gottfried Seiio
Tp Ine heroische Seele an einen srwergennaften ji Körper gefesselt": So umschreibt Karl J —Seheffler das Schidual des Kleinwüchsigen, dem r „deutliche Züge der Zwergenpsyche bescheinigt, das lebenslange zwanghafte Bemühen, den körperlichen Mangel durch Leistung zu kompensieren. Das ist lim, dank großer Energie und einer manischen Arbeitswut bewundernswert gelungen. Menzel war der höchstdekorierte Künstler in Preußen, Hofmaler der Ho henzollern. Als die kleine Exzellenz" Im 90. Jahr gestorben war, schickte Kaiser Wilhelm II. dem Ruhmeskünder Friedrichs des Großen und einer Armee einen Kranz.
DM war offenbar als Lob gemeint, und es war auch nicht sonderlich originell, was der Kaiser dem toten Maler nachrief; es entsprach der Vorstellung, die sich die Öffentlichkeit von Menzel gemacht hatte, an der sich bis heute so viel nicht geändert hat. Man denkt an Friedrich den Großen, wenn von Menzel die Rede ist, und wir sehen ihn, wie Menzel ihn gesehen hat. Der Maler hat dem König und der König dem Maler zu ungeahnter Popularität verhelfen. Daß die Gestalt Friedrichs, daß die Frideriziana in Menzels Werk einen unverhältnismäßig breiten Raum einnehmen, daß sie zumindest zeitweilig sein großes und beinahe einziges Thema darstellen, ist nicht zu bestreiten.
Schwierig und interessant wird es, wenn man nach den Gründen fragt, die Menzel dazu bewogen haben. Wahrscheinlich hat er sich weder mit Begeisterung noch mit Berechnung an die Arbeit gemacht, die von ihm verlangt wurde — auch eine Art preußischer Pflichterfüllung. Diese eminent nüchterne Haltung zur Kunst als Beruf, als Broterwerb — Menzel muß mit sechzehn Jahren, nach dem Tod des Vaters, als gelernter Lithograph die Familie ernähren — wird in einer Ausstellung der Kieler Kunsthalle, die bis 1982 noch in vier anderen Städten gezeigt wird, mit reichem Material dokumentiert. Die eLithographien zu „Künstlers Erdenwallen" hat er selbst als seine erste künstlerische Produktion bezeichnet. Er war achtzehn Jahre alt, als ein Berliner Verlagshaus sie 1833 bei ihm bestellte. Menzels Kommentar: Ich kannte wohl die Goethesehe Dichtung, das heißt, sie hatte mich stets angewidert. Nun aber, weil es doch etwas zu machen war, ergriff ich die Sache mit Freude. Egal, was man macht, nur auf die Machart kommt es an. Menzel macht die Sache so gut, daß er vom Kunstpapst Gottfried Schadow öffentlich belobigt und sogleich in den Berliner Verein der jüngeren Künstler aufgenommen wird. Menzel hat sich nicht danach gedrängt, die „Geschichte Friedrichs des Großen zu illustrieren, sondern der Autor des Werks, der Geheimrat, Historiker, Dichter Franz Kugler hat ihn dem Verleger empfohlen Der nimmt den jungen Mann unter Vertrag, Menzel verpflichtet sich, vierhundert Zeichnungen auf Holzstock zu liefern.
Es hätte auch jedes andere Sujet sein können. Nichts deutet darauf hin, daß ihm Friedrich der Große sonderlich nahegestanden hätte. Aber nun setzt dieser Hochleistungsmechanismus ein, der Zwang, die Sache optimal, zu machen. Menzel wird zum „Historisten", zum Archivar, er studiert die zeitgenössischen Quellen und Dokumente, er zeichnet alles, was ihm vors Auge kommt, pedantisch und detailbesessen. Menzels Freund und Bewunderer Theodor Fontäne bescheinigt es: . das ist eine Wissenschaft, eine Anschauungsfülle, die Adolf Menzel zum guten Teil erst erobert hat " Das Buch, immer wieder neu aufgelegt, verschafft Menzel den Ruf eines Spezialisten in- Sachen Friedrich. Den nächsten Auftrag erhält er von allerhöchster Stelle. Er soll für König Friedrich Wilhelm IV „die Werke Friedrichs des Großen" illustrieren, die in einer dreißigbändigen Prachtausgabe erscheinen. Die ausgestellten Drucke sind alles andere als der zweite Aufguß eines sattsam bekannten Themas, sie beweisen Menzels Fähigkeit, das historische Inventar zu beleben, die Situation zu pointieren, dazu kommt eine technische Brillanz, die durch ständig wechselnde Schraffuren dramatische Heil DunkelEffekte hervorruft.
Aber auch mit diesem für Menzel schmeichelhaften Auftrag ist das Friedrich Thema noch lange nicht erschöpft. Es folgt das Mammutwerk über „Die Armee Friedrichs des Großen in ihrer Uniformierung mit nicht weniger als 436 Lithographien — das Stumpfsinnigste, was einem Künstler des 19. Jahrhunderts zugemutet wurde. Nicht genug mit diesem graphischen Kraftakt: seit ungefähr 1850 sind dann auch noch in rascher Folge seine berühmten Friedrich Gemälde entstanden. Nicht alle diesa Bilder sind Auftragsarbeiten, einige hat er „aus eigenem Antrieb" gemalt. Man könnte meinen, er habe mit den Jahren allmählich an seinem Thema Feuer gefangen. Aber so einfach liegt die Sache nicht. Aufschlußreich ist das Bild der „Schlacht bei Hochkirch", das bedeutendste seiner Friedrich Bilder, über das sich Menzel in einem Brief an seinen Freund Paul Heyse ausführlich geäußert hat: „Ich habe das Bild unter mannigfachen Entbehrungen gemalt, denn immer wieder kam meine Schwester ins Atelier und mahnte mich- an den Broterwerb. Ich begann das Werk am 14. Oktober, genau am Jahrestag von Hochkirch, bloß aus glühender Lust zur Malerei im Großen — ohne jegliche Anregung, geschweige denn Bestellung, sondern sofar in der fast sicheren Aussicht, dieses Riesenild einer Niederlage, die damals durchaus nicht hoffähig war, niemals an den Mann zu bringen. Ich habe dann, durch Not gezwungen, doch viel antichambrieren müssen und das Bild für einen relativ geringen Preis an Friedrich Wilhelm IV. endlich verkauft und dann noch Gott von Herzen dafür gedankt "
Der Ruhmeskünder Friedrichs des Großen und seiner Armee, für den Kaiser Wilhelm II. ihn gehalten hat, ist Menzel nicht gewesen. Er wollte „Malerei im Großen", und dazu war ihm die preußis_che Vergangenheit in Ermangelung anderer Sujets gerade recht. Nach 1860 hat er das Thema ohnehin aufgegeben, als uralter Mann schließlich hat er sich nachdrücklich von seinen Friedrich Bildern distanziert und sich über das meistbewunderte „Flötenkonzert" lustig gemacht. Der König steht da wie ein Kommis, der sonntags Muttern was vorflötet Überhaupt habe ichs bloß gemalt des Kronleuchters wegen " Nicht um den König geht es, nicht um die Vergegenwärtigung von Vergangenheit, sondern um den Kronleuchter, um das Licht der brennenden Kerzen, das den Raum erfüllt, das vielfach reflektiert wird. Es sind luminaristische, es sind rein malerische Probleme, die Menzel zeitlebens beschäftigt haben. Die Ausstellung bringt nur wenige, aber exzellente Beispiele, die Menzels malerische Intentionen belegen.
Um so reicher, in verwirrender Fülle wird das riesenhafte zeichnerische CEuvre aufgeblättert (etwa sechstausend Zeichnungen sind in Menzels - Nachlaß zum Vorschein gekommen). Man tut Menzel keinen Gefallen, wenn man den Zeichner in dieser Weise überbetont, wie das hier geschieht, aus didaktischer Absicht. Jens Christian Jensen meint, Menzel habe in seinem Werk die Grenzen des Realismus ein für allemal aufgezeigt — obwohl die verschiedenen Realismen des 20. Jahrhunderts eher das Gegenteil beweisen. Mir scheint, Menzel sei mit der zeichnerischen Bewältigung von Realität, von Anschauungsfülle gut zurechtgekommen. Er selber hat die Zeichnung nicht als autonomes Kunstwerk, sondern als, Vorbereitung für die Malerei betrachtet, seine Zeichnungen seien „in der Regel nur als Naturstudien gleich zu bestimmtem Bilde oder als Gelegenheitssache für eventuell" („Adolf Menzel: Realist — Historist — Maler des Hofes", Kunsthalle zu Kiel bis zum 8. Juni, anschließend in Bremen, Lübeck, Schweinfurt, Augsburg; Katalog 22 Mark)
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







