Mit Pionier Klinke ins Atomzeitalter?

Deutsche Demokraten klopfen sich gern selber auf die Schulter. Er könne sich keine Armee der Welt vorstellen, sagte Bundesverteidigungsminister Hans Apel, in der eine solche Debatte möglich sei wie die Diskussionsveransjaltung „Soldat und Gesellschaft" auf der Bonner Hardthöhe. Und mit der ihm eigenen Offenheit merkte er in, er habe davor mehr Angst gehabt als vor dem „Tornado" Untersuchungsausscbuß. Nun, es hätte leicht in Konfusion oder Konfrontation enden können. Mehr als fünfzig Gäste sollten zum Dienst, zum demokratischen Bewußtsein und zur Tradition der Bundeswehr ihre Meinung äußern — in bunter Reihe saßen Generäle und Gefreite zwischen Partei Politikern, Jugendfunktionären, Kirchenvertretern, Gewerkschaftlern, Lehrern, Professoren, Bildungsbeauftragten.

Wenn dieses Mammutunternehmen glückte, einer dem anderen zuhörte, sich zuweilen sogar ein Dialog entspann, so konnte sich der Minister dafür beim Moderator bedanken. Professor Klaus von Schubert aus der Bundeswehrhochschule in München wußte, was er wollte: die Diskussion nicht auf Feierliches Gelöbnis und Zapfenstreich zu verengen, sondern zu einer Grundsatzdebatte über die politische und sittliche Legitimation der Bundeswehr, über Sinn und Zweck des Verteidigungsauftrages und der gesamten Sicherheitspolitik auszuweiten. Beharrlich fragte er wieder und wieder, warum es mit der Kommunikation zwischen Bürgern in Zivil und Bürgern in Uniform nicht mehr klappt.

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Soviel wurde rasch erkennbar: Es handelt sich um zwei Generationsprobleme Über die Tradition, besser: über die Haltung der Wehrmacht im Hitlerreich wird nur noch zwischen den Angehörigen der Kriegsgeneration, den 50- bis 80jährigen, gestritten. Das andere — die zunehmende Abneigung gegen das Militär, das Mißtrauen in eine auf Atomwaffen gegründete Sicherheit, die Zweifel am Sinn überhöhter Rüstungsausgaben angesichts des ungestillten Hungers der Dritten Welt — kommt aus der Jugend, von deren Problemen manche sehr viel, manche so gut wie gar nichts wußten. Die Generalität hat da einiges nachzuholen.

Doch reden wir zunächst von der Tradition, dem einzigen Felde, das der Verteidigungsminister nach der Debatte bereits zu beackern anfing. Was jahrelang versäumt wurde, wird endlich angepackt (auch wenn sich Hans Apel erst durch Krawalle in Bremen, Bonn und anderswo mit der Nase auf das Problem stoßen lassen mußte): Der unselige, vergilbte Traditionserlaß von 1965 wird kassiert; Feierliches Gelöbnis und Großer Zapfenstreich werden voneinander getrennt; Kasernen sollen nur noch die Namen von Demokraten tragen; fragwürdige Traditionsnamen der Vergangenheit verschwänden allmählich; das beschämende Verhalten der Wehrmacht im Dritten Reich wird künftig nicht mehr bemäntelt; dem Defizit an historisch politischer Bildung und der Nachfrage nach einwandfreien Vorbildern wird durch Fallsammlungen der gelehrten Zünfte abgeholfen.

Das ist mehr, als die Kritiker Apels und der Bundeswehrtradition erwarten durften, wenngleich immer noch erheblich unter dem, was sich besonders jüngere Offiziere und linke Politiker erhofft hatten. Apel hat es nicht darauf angelegt, seine Generäle mehr als nötig zu verärgern; er ging bewußt den Weg der kleinen Schritte". Noch gar nicht trennen mochte sich der Minister von den Bundeswehrorden, obschon ihm sein Parteifreund Horst Ehmke, Vizechef der SPDBundestagsfraktion, als Hanseat (aus Danzig) zu Hanseat (aus Hamburg), beinahe grob wurde: „Da die. Bundeswehr kein Staat im Staate ist, braucht sie auch keine eigenen Orden. Heuss, Schumacher und Adenauer würden sich in schöner Unparteilichkeit im Grabe umdrehen Ins gleiche Hörn stießen die Sprecher der Jungsozialisten, und des Deutschen Gewerkschaftsbundes: Mit dieser Form der Selbstdarstellung erschwere sich die Bundeswehr ihr Verhältnis zur Jugend unnötig; Orden seien einfach „rausgeschmissenes Geld".

Ebensowenig gefolgt ist Apel dem Rat des einstigen Bundeswehr Reformers und heutigen Friedensforschers Graf Baudissin, der, allzeit jugendbewegt und immer bereit, eigene Positionen zu überdenken, die Vergangenheit Vergangenheit sein und es mit der fünfundzwanzigjährigen Tradition der Bundeswehr bewenden lassen wollte: „Ist der tägliche Dienst nicht viel prägender als die Tradition? Was nicht verstanden wird, bindet nicht Auch der an oberbayerischen Sitten orientierte Ratschlag des Konstanzer Professors Ellwein, auf Rituale ganz zu verzichten und statt einer fragwürdigen Tradition lieber gemütvolles „Brauchtum" zu pflegen, verfing nieht bei den Verantwortlichen. Also wird sich die Bundeswehr nunmehr eine selektive Geschichtstradition zurechtschneidern. Doch die Öffentlichkeit muß höllisch aufpassen, was eines Tages, wenn der Traditionserlaß aufgehoben ist, in die Dienstvorschriften zur Inneren Führung und zur Politischen Bildung einfließen wird. Was einige Generäle zum Besten gaben, läßt befürchten, daß doch wieder hauptsächlich konservative Vorbilder und Werte empfohlen werden. Wer wählt aus, und wer kontrolliert, daß unten ankommt, was oben beschlossen? Wird nun die Uniform des Feldmarschalls von Rundstedt (der bis zuletzt vor Hitler stramm stand) aus der Glasvitrine verschwinden, oder wird er, wenn sie drin bleibt, wenigstens als „negatives Beispiel" den Soldaten zur Warnung dienen? Man täte gut daran, zu beherzigen, was jener Mann, der unter dem Verteidigungsminister Helmut Schmidt Anfang der siebziger Jahre das Bildungswesen der Bundeswehr reformierte (am liebsten wohl revolutioniert hätte), eben Professor Thomas Ellwein, in seinem Eingangsreferat über ideale Traditionen sagte: „Ein solches Bild müßte allerdjngs_s ehr nuanciert in seinen Farbtönen ausfallen, weil das Vorbildliche und sein Gegenteil meist ziemlich eng miteinander verwoben sind. Das fängt: bei Frundsberg an und hört "bei Ludwig" Becl auf?Wer Vorbilder be " nötigt, die in allem und jedem und vor allem zu jeder Zeit Vorbilder sein können, sollte sich nicht der Geschichte zuwenden, in der es immer menschlich zugeht, sondern gleich auf den Bereich der Sage ausweichen "

Wer allerdings hörte, wie der Heeresinspekteur, Generalleutnant Johannes Poeppel, geradezu zärtlich das Hohelied vom braven Gefreiten Klinke sang, der sich 1864 beim Sturm auf die , Düppeler Schanzen in die Luft sprengte, um seinen Kameraden eine Bresche zu schlagen, der mochte erst recht geneigt sein, es mit Ellwein zu halten. Dieser hatte als einzige ungebrochene Tradition die „ObergefreitentTradition" ausgemacht, bei der „das Überleben vornean steht". Die Bundeswehr als Teil der Gesellschaft (niemand bezweifelt ihre Integration) wird so geschichtsbewußt oder unhistorisch sein wie das fanze Volk. Ausklinken aus der Vergangenheit ann sie sich nicht. Es ist politisch gerechtfertigt, wenn Minister Apel und sein Generalinspekteur Jürgen Brandt ehrwürdige Traditionsnamen wie Sdiarnhorst und Gneisenau nicht der Nationalen Volksarmee in der DDR überlassen wollen. Da die Bundeswehr von Offizieren der Wehrmacht aufgebaut wurde, ist sie unentrinnbar mit deutscher Geschichte verwoben. Sie hat sich das Traditionsproblem selber ins Haus geholt. Klaus von Schubert fand am Schluß der Debatte einen versöhnlichen Übergang: „Im Gründungsvorgang der Bundeswehr ist die Vergangenheit schon aufgearbeitet. Auch das ist ein Stück eigener Tradition "

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