Mit Schmiergeldern viel erreicht
Er galt als robust, rücksichtslos, als einer, der über Leichen geht. Aber er litt unter einer kleinen, eigentlich kaum bedeutenden Behinderung des kleinen Fingers seiner rechten Hand: Er konnte ihn nicht strecken j der Finger war immer gekrümmt. Stets hat er darauf geachtet, daß dieser Schönheitsfehler, von dem unbekannt ist, ob er angeboren oder erst später entstanden war, auf Photographien nicht erkennbar wurde. Wenn er jemandem die Hand gab, krümmte er auch den Ringfinger, so daß er also nur Zeigeund Mittelfinger gab, was allenfalls zu einer Andeutung von Händedruck führen konnte. Mit zunehmendem Alter — wobei das Wort Alter kaum angebracht ist, da er mit 48 starb — störte ihn noch etwas anderes. Das war seine Nase, die immer deutlicher eine ausgesprochen semitische Form annahm. Darauf anspielend sagte seine Schwester einmal zu einer Freundin: Es besteht gar kein Zweifel, daß wir jüdisches Blut haben, und er weiß das genausogüt wie ich, aber er zieht es vor, es für römisch zu halten In seinen späteren Lebensjahren hat er nie erlaubt, daß man ihn im Profil malte oder photographierte. Zu der Zeit war er der mächtigste Mann jenes Landes, in das er als Sechzehnjähriger von seinem Vater geschickt worden war, weil er eine Tuberkulose hatte und der Vater meinte, das südliche Klima werde ihm guttun. Innerhalb von drei Jahren hatte er dort ein Vermögen gemacht, und zwar mit Diamanten. Noch bevor er die dreißig erreichte, war er Millionär. Zwischendurch war er nach Oxford gegangen, weil er meinte, daß er eine Universitätsausbildung brauche, um einen „achtbaren" Beruf ausüben zu können. Er hat sich in Oxford nicht wohl gefühlt, er fand dort keinen Anschluß. Er war einfach nicht der Typ für Oxford. Er war — so sagt es Peter de Mendelssohn, der ihn zu den menschlich Großen dieser Welt zählt — „ein ausgesprochener Einzelgänger, der seine wenigen Freunde in Oxford in Verlegenheit setzte, wenn er ganz schamlos von der Macht und dem Prestige des Geldes sprach. Ich habe mich selbst nach Oxford geschickt, pflegte er zu sagen. In Oxford galt jedoch die Einstellung, daß Geld etwas sei, was man einfach hatte, worüber man aber gehörigerweise nicht sprach Er sprach sehr oft über Geld. Er war überzeugt, daß er für Geld alles kaufen könne. Auch Menschen. Immer ging er davon aus, daß alle Menschen korrupt sind. Er sprach dabei nicht von kaufen, sondern von schmieren. Und er meinte — was er auch in aller Öffentlichkeit sagte —, sogar den Papst schmieren zu können. Daß er mit 28 Jahren (inzwischen aus Oxford längst wieder in jenem Land, das später nach ihm benannt wurde) Parlamentsabgeordneter wurde, war auch seinem geschickten Einsatz von Schmiergeldern zu danken.
Bei alledem ging es ihm nicht eigentlich um persönliche Macht, sondern darum, etwas Sinnvolles zu schaffen und damit sein Vaterland zu stärken. Manchmal gelangen ihm vorbildliche Aktionen. Zum Beispiel importierte er in sein Land große Massen von Marienkäfern und rettete damit die Orangenplantagen vor der Vernichtung durch Blattläuse. Und die Weinstöcke erhielt er, indem er ihnen amerikanische Sorten aufpfropfen ließ, die gegen die Reblaus unempfindlich waren. Einen seiner Lieblingsträume hat er nicht mehr verwirklicht: eine Eisenbahnlinie durch den ganzen Kontinent.
Nicht erst heute ist er umstritten. Er war es schon zu seiner Zeit, als Politiker und als Mensch. Nicht zuletzt deswegen, weil er sich nicht für Frauen interessierte.
Wer wars?
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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