Antisemitisches Gedicht Nur ein Ausrutscher?

Über einen Mangel an Entschuldigungen, Bekundungen des Bedauerns und der Empörung kann sich die jüdische Gemeinde Wiesbaden nicht beklagen, seit Mitte März die der CDU nahestehende örtliche Schülerunion (SU) in ihrer Schülerzeitung Kaktus einen antisemitischen Text brachte. Der Text gipfelte in dem Schluß: „Wenn sie dir nehmen heraus (aus dem Massengrab), du hast zwei Möglichkeiten, entweder du kommst in Fabrik für Seife oder du kommen kannst in Fabrik für Papier. Wenn du kommst in Fabrik für Seife, du hast besser, du werden- kannst Parfüm für feine Damen Was da - gekennzeichnet als „humoreske Glosse" mit dem Titel „Jüdische Philosophie" veröffentlicht stand, sollte gegenüber der jüdischen Gemeinde „wiedergutgemacht" werden.

Also erschienen der 15jährige Kaktus Chefantisemitischen Text hatte zukommen lassen, in elterlicher Begleitung zwecks Entschuldigung bei der jüdischen Gemeinde: Sie hätten nicht gewußt, wovon sie schrieben, ein Scherz hatte es sein sollen. Die Wiesbadener Schülerunion bedauerte in einem Brief „aus ganzem Herzen", wies auf das jugendliche Alter des Redakteurs, seine „unglaubliche Unkenntnis und Unbedarftheit" und versicherte, daß in ihren Reihen „niemals rechtsextremistische und faschistische Haltungen" geduldet würden. Nur ein „Ausrutscher" eines Zehntkläßlers also, der durch Schulwechsel gerade den Unterricht über die NS Zeit versäumt hat? So weit, so bedenklich genug — vielleicht wäre es das beste gewesen, nach der Entschuldigung den Fall auf sich beruhen zu lassen.

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Die Schülerunion jedoch „arbeitet den Fall weiter auf", und dabei berechtigt einiges zu der Frage, auf welchem Glatteis so ein. Junge eigentlich wandelt, wenn er wirklich glaubt, die Glosse sei „allgemein auf den Krieg gemünzt".

Oliver Sangha, 19jähriger Kreisvorsitzender der Schülerunion Wiesbaden, berichtet von intensiven Nachforschungen über die Herkunft des Textes: „Es hat zur Entlastung beitragen können, daß der Text schon 1914 gedruckt worden ist. Man kann ja daraus auch keine direkte Verbindung zu den KZ schließen Ja aber — Menschenverarbeitung zu Seife? Sangha belehrt: „Wir haben in den Archiven auch Textstellen gefunden, daß im Ersten Weltkrieg die Engländer zum Beispiel auch solche Methoden angewandt haben mit Kriegsgefangenen Ein Griff ins Rechtfertigungsarsenäl der Neonazis? Der Landesvorsitzende der hessischen Schülerunion, Hermann Schmitt, räumt zwar die „formale Verantwortung" für den „äußerst bedauerlichen Fehler eines 15jährigen" ein, weist aber eine geistige Verantwortung" zurück. Für den Jungpolitiker wurde die Aufarbeitung rasch zu einem Gegenstand parteipolitischer Polemik. Er zog gegen den SPD Landtagsabgeordneten Franz Beucker zu Felde, der von einem „unglaublichen Skandal" gesprochen und Folgen für die foztos Verantwortlichen gefordert hatte. Das fand Schmitt „überaus hart und ungerechtfertigt". Als der Abgeordnete daraufhin eine — in der örtlichen SPD umstrittene — Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen die hessische. Schülerunion stellte, hatte der Student Schmitt folgendes parat: Er halte „Beuckers Vorgehen für genauso verwerflich wie den Abdruck der antisemitischen Glosse Vom „Ausrutscher" scheinen sich manche Mitglieder der Schülerunion noch nicht erholt zu haben. Kegina Droge

 
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