Ratlos vor leeren Kassen
Gewerkschaften und Arbeitgeber haben beide nicht rechtzeitig reagiert /Von Michael Jungblut
Das Geheimnis eines guten Managements liegt darin, auf Veränderungen rechtzeitig zu reagieren. Diese Erkenntnis eines ExxonManagers kann so falsch nicht sein, denn nach diesern Rezept ist der amerikanische ölkonzern Zum größten Unternehmen der Welt herangewachsen. In der Bundesrepublik scheint aber die Fähigkeit, auf veränderte Bedingungen rasch und angemessen zu reagieren, immer mehr verlorenzugehen.
Das aktuellste Beispiel für mangelndes Reaktionsvermögen bieten die Tarifpartner. Ein solches Trauerspiel wie in diesem Jahr haben sie der Öffentlichkeit noch nie geboten — und nicht etwa, weil sie andere Rollen spielen und andere Texte vortragen als in früheren Jahren. Das Schlimme ist vielmehr: Sie führen - die gleiche Komödie auf wie immer, ohne Rücksicht darauf, daß ihre Auftritte vor einer völlig veränderten Kulisse stattfinden (siehe auch Seite 15).
Wir leben in einem Land, dessen Wirtschaft ihre Dynamik verloren hat. Die gesamtwirtschaftliche Leistung wächst nicht mehr. Im Gegenteil, wir werden in diesem Jahr zwei Prozent weniger Volkseinkommen zur Verfügung haben als 1980. Darüber hinaus müssen wir für eine geringere öleinfuhr als 1978 die doppelte Summe zahlen Über sechzig Milliarden Mark — oder rund tausend Mark je Bundesbürger — werden die Scheiche auch in diesem Jahr von unserem geschrumpften Volkseinkommen kassieren. Wer dennoch Lohnerhöhungen fordert, die mindestens die Realeinkommen sichern — wie beispielsweise die IG Metall —, verlangt Unmögliches. Wenn der Lebensstandard gehalten werden soll, hilft nur mehr oder produktivere Arbeit. Wer das nicht kann oder will und dennoch ein höheres Einkommen fordert, tekommt nur mehr Papier in die Lohntüte.
Lohnt es sich, dafür zu streiken? Wohl kaum. Aber wie wollen die Gewerkschaften das ihren Mitgliedern klarmachen, nachdem sie selber durch das übliche Kampfgeschrei vor und während der Tarifverhandlungen die Gemüter so richtig schon in Wällung gebracht haben? Wie stets in dieser Phase des Lohnkampfes haben die Gewerkschaftsführer dieGeister, die sie riefen, nicht mehr unter Kontrolle. Was am Verhandlungstisch in langen Nächten ausgehandelt wurde, wird von der Basis in der Luft zerrissen, weil es — wen wundert das? — die vorher geweckten Erwartungen nicht erfüllt.
Wie so viele andere gesellschaftliche Institutionen ist auch die Gewerkschaftsorganisation ganz auf wirtschaftliches Wachstum programmiert. Sobald einmal der Rückwärtsgang eingelegt werden muß, läßt sie sich nicht mehr richtig lenken. Die Gewerkschaften haben sich hervorragend bewährt, solange es galt, den Arbeitnehmern ihren Anteil am wachsenden Wohlstand zu erkämpfen. Jetzt, wo es darauf ankommt, eine Durststrecke mit möglichst geringen Opfern zu überwinden, versagen sie.
Statt eine zeitweilige, geringe. Einbuße an realem Einkommen hinzunehmen, um dafür um so schneller wieder zum Wachstumspfad zurückzufinden, versuchen sie Löhnerhöhungen zu erzwingen, die nur die Inflation anheizen und letztlich zur Vernichtung von Arbeitsplätzen führen. Statt den technischen Fortschritt und den Strukturwandel zu fördern, damit die Industrie insgesamt international wettbewerbsfähig bleibt, zwingen sie oftmals Unternehmer und Politiker, veraltete Strukturen künstlich zu erhalten — in der absurden Hoffnung, dadurch Arbeitsplätze zu retten.
Das Land, in dem eine solche Politik am konsequentesten verfolgt wurde, ist Großbritannien. Dafür ist dort auch die Zahl der Arbeitslosen mit 2 5 Millionen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft mit Abstand am höchsten und das reale Einkommen der Arbeitnehmer weit unter dem anderer hochindustrialisierter Länder. Dies ist nicht zuletzt — wenn auch gewiß nicht allein — die Schuld von Gewerkschaftsführern, die bis auf den heutigen Tag unfähig waren, sich an eine veränderte Umwelt anzupassen. Unter den Folgen müssen die Arbeitnehmer leiden, für deren Interessen diese Funktionäre zu kämpfen vorgeben.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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