„Zur besseren Versorgung der Bevölkerung" Raus aus der LPG

Kleine Privatbetriebe haben wieder eine Überlebenschance in der DDR Von Marlies Menge

Fritz Bäthge ist Künstler in seinem Fach. Sein Material ist Kuchenteig, Zuckerguß und Marzipan. Er ist Zuckerbäcker wie sein Vater, Großvater und seine Urgroßväter. Sie alle übten diesen Beruf in demselben Haus aus, in der Büchtingenstraße in Wernigerode im Harz. Heute ist Fritz Bäthge Rentner. Er wohnt noch immer in dem Haus, doch aus den Backstuben wurden Fremdenzimmer für Sommergäste. Fritz Bäthge liebt seinen Schäferhund, die Kaninchen im Stall und seinen Gärten. Sein Talent nutzt er nur noch, um die Rückfront seines schönen Fachwerkhauses mit Wernigeröder Symbolen zu bemalen: dem Hirsch und der Forelle. Er hofft, daß seine Kinder sich später um das Haus kümmern werden.

Zwei Häuser weiter lebt der Tischler Hermann Hinüber. Vorn im Fachwerkhaus wohnen er und seine Frau. Hinten im Hof hat er seine Werkstatt. Dort hat er Langlaufskier gebaut, mit denen DDR Läufer Medaillen gewonnen haben. Auch ein Sohn hat auf Vaters Skiern gesiegt. Doch die Werkstatt wollte keiner der beiden Söhne übernehmen. Sie sind Diplom Ingenieure geworden, die Tochter hat nach Magdeburg geheiratet.

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In der Büchtingenstraße wohnen seit alters her die Handwerker. Der Vater vererbte seine Zunft samt Werkstatt an den Sohn, und der gab sie weiter an seine Söhne. Heine werkeln kaum noch Tischler, Schlosser und Zimmerleute in den zum Haus gehörenden Vp < "r . Privates Handwerk hatte in der DDR lange Zeit keinen goldenen Boden, und die privaten Handwerker hatten es viel schwerer, an Material und Werkzeuge zu kommen als ihre Kollegen in staatlichen Betrieben. Erst Erich Hone 1" e Deckte die privaten Handwerker wieder zum Zwecke der „besseren Versorgung der Bevölkerung", beispielsweise für notwendige Reparaturen in Altbauten. Nun werden Handwerksbetriebe gefördert, und 19§0 gab es in der DDR 112 500 selbständige private Handwerker.

In Wernigerodes Breiter Straße wohnten einst die Kaufleute, unten in den Häusern hatten sie ihre Geschäfte. Auch heute noch ist die Breite Straße die Haupteinkaufsstraße der Stadt. Doch die meisten Geschäfte gehören der HO. So auch das „Cafe Wien" in einem schönen Fachwerkhaus, das auf keiner Wernigerode Postkarte fehlt. Besitzer des Hauses ist die Familie Siegemund, der früher auch das Cafe gehörte. Jetzt hat es die HO gepachtet. Joachim Siegemund hat 20 Jahre in der Backstube des Cafes Bäcker ausgebildet. Jetzt arbeitet er in der neuen Großbäckerei der Stadt. Seine Frau ist Kellnerin im Cafe.

In Wernigerode brauchte früher nur einer zu sagen, in welcher Straße er wohnte, und man wußte, was er war. In der Grünen Straße zum Beispiel wohnten die Ackerbürger, Bauern, die ihre Dörfer verlassen hatten und hier in der Neustadt Fachwerkhäuser bauten wie die Kaufleute und die Handwerker. Nur an den großen Toreinfahrten für die Fuhrwerke war zu erkennen, daß es sich um Bauernhäuser handelte. Doch auch in der Grünen Straße hat sich die Tradition nicht halten können. Wo früher Scheunen und Ställe waren, sind heute meist Gärten mit Blumen, Apfelbäumen und Hollywoodschaukeln. Bauern sind eine Rarität. Eine solche Seltenheit ist die Familie Bartling. Früher hätten sie zwölf Hektar Land vor den Toren der Stadt und Milchvieh. Morgens trotteten die Kühe durch die Straßen zum Westerntor und trafen dort mit den anderen zusammen. Bis zu 50 Stück zogen dann mit dem Kuhhirten in die Berge. Abends kamen sie zurück. 1960 traten die Bartlings in die LPG, Stufe eins, ein. Sie bearbeiteten mit anderen Genossenschaftsbauern zusammen das Land, jeder behielt sein Vieh. Günter Bartling ;war zufrieden. Zusammen konnte man sich größere Maschinen anschaffen, man kam auch gut miteinander aus. Neun Jahre später kamen die Bartlings in die Stufe drei der LPG, der nun auch die Kühe übereignet wurden. Als die LPG drei in die noch größere KAP (Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion) übernommen wurde, ging Günter Barding zurück auf seinen Hof. Sein Vater hatte zwei Pferde und das Fuhrwerk behalten, er machte Lohnfuhren vor allem für die Forstwirtschaft. Der Sohn half ihm. Jetzt haben sie drei kräftige Kaltblüter — für private Fuhrunternehmer nur schwer zu bekommen. Eins der Pferde war schon zwölf Jahre alt und zum Schlachten für die Abdeckerei freigegeben, als sie es kauften. Bartlings mästen auch Ferkel, Hühner scharren im Hof, eine Ziege meckert, der Hund liegt an der Kette. Doch die Töchter Bartlings wollen nicht in die Landwirtschaft oder ins Fuhrunternehmen; eine arbeitet im Blumenladen, die andere beim Finanzamt. Den 16jährigen Jörg Piehozki traf ich auf einer der Wernigeröder Straßen. Er saß auf einem Fuhrwerk mit dämpfendem Mist. Kennengelernt hatte ich den hübschen, aufgeweckten Jungen mit den strahlenden blauen Augen ganz anders. Sein Bruder Thomas und er saßen in weißen Uniformen und mit Zylinder auf dem Kutschbock einer leuchtend weißen Hochzeitskutsche. Vor dem Wernigeröder Rathaus warteten sie auf ein Brautpaar, das sich zur kirchlichen Trauung in die Theobaldikapelle kutschieren lassen wollte. Selbstbewußt hatte Jörg mir eine Visitenkarte gegeben: Horst Piehozki — Kutschbetrieb. Vater Horst Piehozki stammt nicht aus einer Kutscher Dynastie. Er hat kein Fachwerkhaus in der Innenstadt, keinen Hof in der Grünen Straße geerbt. Er war Berufskraftfahrer, Chauffeur sagte man früher. Nur in der Freizeit beschäftigte er sich mit Pferden. Und irgendwann kam ihm der verwegene Gedanke, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Heute hat er fünf Hafflinger mit Fohlen, die die Familie Piehozki selbst aufzieht und trainiert. Die Hafflinger ziehen Kutschen in die Berge, jeder Fahrgast zahlt drei Mark fünfzig die Stunde. Urlauber können sich einen ganzen Tag lang durch den Harz ziehen lassen. Piehozkis Kutschen sind immer ausgebucht. Auf seine Art sorgt auch er für die „bessere Versorgung der Bevölkerung".

Die Kinder helfen in jeder freien Minute. Und ihre Schulfreunde beneiden sie darum. Der Vater hat sich alles selbst beigebracht, die 17jährige Birgit macht im Abendstudium ihren Facharbeiter für Pferdezucht. Jörg geht in diesem Jahr im volkseigenen Gestüt Moritzburg in die Lehre und wird in zwei Jahren „Facharbeiter für Pferdezucht und Leistungsprüfung" sein. Der l jährige Thomas hat noch Zeit, Bei den Bauern in der Umgebung fand Horst Piehozki die alten, oft schon zerfallenen Kutschen, die er selbst wieder aufarbeitete: Jagdwagen, den Landauer von 1923 und die Hochzeitskutsche von 1894. Er kaufte auch alte Geschirre, trennte sie auf und machte nach den alten Mustern neue. Sein Sohn Jörg hilft ihm dabei. Noch suchen sie jemanden, der ihnen sagt, wie man einen Sattel anfertigt.

Die Kinder möchten später gern den Kutschbetrieb vom Vater weiterführen, ungeachtet der Nachteile, die private Betriebe in der DDR nun mal gegenüber den staatlichen haben. Ein begeisterter Kutscher ist Jörg schon heute: „Ich erzähle den Urlaubern, die ich spazierenfahre, was über unsere Pferde und über die Landschaft, durch die wir fahren, auch Geschichten aus unserer Gegend. Das hat mir alles mein Vater beigebracht. Meistenteils sind die Leute sehr nett. Ich glaube, das Kutschenfahren macht ihnen Spaß ,;

 
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