Rauschgift Ehrgeiz
Die Reporterin Janet Cooke wollte Ruhm um jeden Preis /Von Michael Naumann Washington Zum ersten Mal mußte der Pulitzer- Preis zurückgegeben werden. Amerikas höchste journalistische Auszeichnung war für eine Reportage vergeben worden, die reine Erfindung war. Die Autorin: Janet Cooke, 26 Jahre alt.
Jimmy ist acht Jahre alt, ein Rauschgiftsüchtiger in der dritten Generation, ein altkluges Bürschchen mit braunen Haaren, samtenen Augen und Injektionsnarben, die gleich Sommersprossen die babyweiche Haut seiner dünnen Arme übersäen En detail und getreu den Faustregeln der amerikanischen Reportage breitete die 26jährige Journalistin Janet Cooke vor acht Monaten das schaurige Milieu der Washingtoner Drogen Pusher und Junkies auf der tiefsten Stufe seiner moralischen Verkommenheit aus. „Die Heroinnadel sinkt in Jimmys Haut wie ein Strohhalm in die Mitte einer frischgebackenen Torte "
„Jimmys Welt" hieß die aufsehenerregende Reportige, die damals in genau 892220 Ausgaben der wohl besten Zeitung Amerikas, der Washington Post, veröffentlicht wurde. Mit ihrer brillanten Story hatte Miß Cooke den täglichen Wettlauf der 400 Redakteure um einen Platz auf der Seite eins der Zeitung gewonnen: Front Page — Mythos und Ansporn zugleich. Andere Journale druckten den Schreckensbericht nach. Aus Kalifornien meldete sich eine besorgte und entsetzte Nancy Reagan: Ob man Jimmy nicht helfen könne? Der Junge war, wie konnte die First Lady in spe das damals ahnen, leider nicht zu retten. Selbst Washingtons Polizei suchte ihn vergebens; denn Janet Cooke verschwieg unter Anrufung der Verfassung seinen wahren Namen und seine Adresse.
Nur acht Monate nach seinem befremdlichen Auftritt starb das altkluge Bürschchen, bildlich gesprochen, in den Armen der bestürzten PostChefredakteure; vorher freilich hatte er noch Janet Cooke zu eineni Pulitzer Preis verholfen, gewissermaßen das Eiserne Kreuz Erster Klasse der amerikanischen Publizistik, die Front PageSpange. Indes — kaum war die Ehre erwiesen, wurde die gepriesene Journalistin ihrer (und der tausend Dollar Preisgeld) wieder verlustig. Zweifel waren laut geworden und in das Gemüt der Redaktionsleitung gedrungen. Die schmerzhafte Entdeckung der Chefredaktion, für eine wunderbare, wiewohl unerwünschte Erdichtung geehrt worden zu sein, schloß ein nächtliches Verhör der Reporterin Cooke ab. Vorgesetzte drohten, Tränen flössen, und am 15. April gab Janet Cooke zu, daß „Jimmys Welt ein erfundenes Machwerk ist. Ich habe niemals einen achtjährigen Drogensüchtigen gesehen oder interviewt. Ich entschuldige mich bei meiner Zeitung, meinem Beruf, der Pulitzer Jury und allen Freunden der Wahrheit. Indem ich letzterer ins Gesicht sehe, kündige ich hiermit. Janet Cooke". Ausgerechnet die Leser jener Zeitung, die Richard Nixon in seinen Watergate Tonbändern und Lügen verstrickte, starrten auf einmal in einen Abgrund der Glaubwürdigkeit. Janet Cookes Ressortchef, Robert U. Woodward, hatte mit seinem Kollegen Carl Bernstein den amerikanischen Aufdeckungsjournalismus zu neuen Ufern geführt. Heute erinnern sich böswillige Kollegen der Konkurrenz, daß den Lesern der Washington Post damals nichts verborgen blieb — außer der wahren Identität von „Deep Throat", jener sprudelnden Nachrichtenquelle der beiden Watergate Reporter im Weißen Haus. Janet Cooke hat sich um das Mißtrauen der Leserschaft verdient gemacht.
Nichts lag ihr freilich ferner, als sie sich vor zwei Jahren um einen Platz in der Reporterschar der Washington Post bewarb. Nach zweijähriger Lehrzeit in dem gediegenen Provinzblatt Toledo Blöde fühlte sie sich gestählt für den Kampf ums journalistische Dabeisein in der Hauptstadt. Ihrem Bewerbungsschreiben entnahm der Chefredakteur, Benjamin C. Bradlee, daß Janet Cooke das feine Vassar College mit Glanz absolviert hatte: Janets erste Lüge. Andererseits schien sie begabt, war temperamentvoll, redegewandt und — auch dies geriet ihr zum Vorteil — von schwarzer Hautfarbe: Unter dem öffentlichen Druck, Minderheiten und Frauen anzuheuern, erwies sich Janet Cookes Anstellung bei der Post als angehme Selbstverständlichkeit.
und smart und besser als die anderen Und außerdem war sie ehrgeiziger. Ihre Kollegin Elsa Walsh gibt zu Protokoll: Janet redete täglich von ihren Plänen. Sie hatte kein Gefühl für die Vergangenheit, auch nicht für die Gegenwart; was zählte, war die Zukunft. Sie sah immer nur nach vorne und scherte sich nicht um die Menschen, die sie überholte "
„Ehrgeiz", sagt der amerikanische Kulturkritiker Joseph Epstein, „ist die geheime Leidenschaft der Nation Doch andererseits hätten die Dichter des Landes — von Theodor Dreiser über Sinclair Lewis bis Saul Bellow — die alten Tugenden des getting on, getting in und getting ahead (weiterkommen, reinkommen, vorwärtskommen) gesellschaftsunfähig gemacht. Mit Janet Cooke ist ihnen das Kunststück allerdings nicht gelungen „Sie war stets äußerst ehrgeizig", sagt ihr Vater Stratman Cooke, „und ich habe das gefördert "
Janet Cooke wählte den richtigen Beruf, um ihre frühen Ambitionen zu verwirklichen. Erfolgreicher Journalist in Amerika zu sein, heißt, Wohlstand, Prominenz und Machtfülle zu genießen. Janet Cooke kleidete sich gemäß ihrem Berufsimage — „sie war Gucci und Cardin und Yves St. Laurent in einem", urteilt ihre Kollegin Vivian Aplin Brownlee. Teuer betudit ging Janet Cooke auf Nachrichtenjagd im schwarzen Getto der Hauptstadt „Was fürn Nigger bist du denn?", fragte sie jemand auf der lebensgefährlichen 14. Straße.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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