Remmers blieb ganz cool
ngelabert mag sich Niedersachsens Kultusminister Werner Remmers gefühlt haben, als ein Architekt den Deutschunterricht seines Sohnes in der Klasse 10 a des Gymnasiums Hittfeld monierte. Der Architekt empfand als „Schweinerei", was sein Sohn über Goethe im Unterricht zu hören bekam.
Zur Vorbereitung auf den „Faust"
hatte der Deutsch Lehrer den Schülern eine ironische Goethe Biographie von Karl Hoche gegeben. Darin wird Goetfhe als „Gefühlsanarchist" bezeichnet, der im Studium glücklos war, weil seine kirchenrechtliche Doktorarbeit „gewaltig in die Hosen ging". Später habe Goethe, bereits ein „uralter Knacker", noch die 19jährige Ulrike von Levetzow „aufgerissen" und ihr nur deshalb einen Heiratsantrag gemacht, weil sie ihn sonst nicht reingelassen" hätte.
Angesichts der flapsigen Sprache erstatete der Architekt Strafanzeige wegen „Anleitung von Minderjährigen zum pornographischen Schrifttum und Verletzung sittlicher Grundlagen". Er sah seinen 16jährigen Sohn der „Willkür und schmutzigen Phantasie" von „linken Lehrkräften"
ausgeliefert.
Die Staatsanwaltschaft aber konnte nichts Gesetzwidriges am Verhalten des Lehrers entdecken, und Minister Remmers stellte sich beherzt vor den Attackierten: Er habe die Kinder „dort abgeholt, wo sie stehen, und zugleich ein vorzügliches Stück deutscher Literatur eingefädelt". Remmers fand weder den Text von Hoche noch eine Schülerversion des „Faust" — in der Gretchen den Faust eben immer so „cool anlabert" — anzüglich. Im Gegenteil, wer das Gespräch mit der Jugend Suche, so der „extrem tangierte" Minister zum aufgebrachten Vater, der müsse sich auf ihre Sprache einlassen.
Ebenfalls zur Ironie fühlte sich der üblicherweise eher bedächtig kommentierende Friedrich Karl Fromme in der Fromme amüsierte sich letzte Woche über einen Vater, der entdeckt hatte, daß der Datenschutz verletzt wird, wenn Klassenkameraden wechselseitig von ihren Noten erfahren. Er habe zwar auch so manche unangenehme Erinnerung daran, daß- die Lehrer in seiner Jugendzeit die Noten vor der Klasse verkündeten; meint Fromme, doch allzu schlimm sei das nicht gewesen. Den Austausch von Noten nun als „Mißstand im Bereich des Datenschutzes" zu bezeichnen, könne man durchaus als „Neuerung" empfinden.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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