Sehen lernen
Die Möglichkeiten des Sehens sind unbegrenzt. Sie variieren und verändern sich und hängen vom Auge jedes einzelnen ab. Sehen ist eine Möglichkeit des Denkens und kann gelernt werden wie das Denken selbst. Es kann geschult, trainiert und vernachlässigt werden. Der logisch Denkende kann blind oder taub sein, und der augendenkende, optisch bewußte Mensch kann eine eigene Logik des Sehens entwickeln.
Es gibt die Beobachtung eines Gegenstandes, das genaue Anschauen von Farbe, Volumen, Kontur. Es gibt das unwillkürliche Anschauen der Dinge, eine Art des absichtslosen, unbewußten Sehens, während die Gedanken woanders sind. Es gibt das detektivisch präzise Sehen, das pedantisch genaue, kontrollierende Sehen (etwa eines technischen Details). Es gibt das Entdekken, Vergleichen und Vergewissern, das staunende Sehen, das Nicht für möglich Halten. Das So und nichts anderes sehen Wollen, nicht Wahrnehmen Wollen, das Sehen mit Vorurteil. Es gibt den interesselosen Blick aus dem Fenster, das von Gewohnheit betäubte Nichts mehr Sehn. Das plötzliche Erkennen eines Gesichts, das man jahrelang sah und glaubte, erfaßt zu haben. Den Photographierblick auf das fremde Motiv, die touristische Schwärmerei mit der rosa Brille. Man kann an sich selbst alle Unterschiede erfahren. Das Sehen im Freien (die Landschaft, der Garten, das Meer) entspricht nicht dem Sehen im geschlossenen Raum. Das Sehen und Reagieren im Stadtverkehr hat nichts mit der Wahrnehmung einer Pflanze zu tun. Es gibt das So und nicht anders sehen Dürfen, ideologisches Augenmaß und den Scheuklappenblick. Es gibt das Sehen nach Noten in der Schule, und es gibt das Sehen von Bildern, die Bildbetrachweder neugierige noch notwendige Fernsehn des Kindes, die häusliche Art des konsumierenden Glotzens. Das Hirn setzt sich gezielten Mißhandlungen aus, das Auge wird überreizt und abgestumpft; es wird mit Mischmasch und Verschnitt geplagt. Zum Müllschlucker wird da das Kind mit seinen Augen.
Sehen, sehen wollen und sehen können — nichts ist in Prozessen des Sehens selbstverständlich. Kein Mensch kann sich auf sich selbst und sein Sehen verlassen. Das Sehen, Hören und Denken kommt nicht von selbst. Man kann es lernen, aber nicht beherrschen, man muß es täglich trainieren und weiterentwickeln. Ich habe zeichnen gelernt und könnte sagen: Sehen ist ein Grundbesitz meines Denkens, Voraussetzung aller Arbeit, Kleinigkeit; ich kann mich auf mich und meine Augen verlassen; ich muß mich auf meine Optik verlassen können. Aber da käme ich schlecht bei der Sache weg. Einen Sommer lang ging ich den selben Weg und glaubte, den Berg, das Gestein und die Bäume zu kennen, den Wechsel von Licht und Geruch an verschiedenen Tagen, die Stofflichkeit von Hölzern, Erde und Laub, die Schlangen- und Vogelarten und Spuren der Füchse. Aber da kam ich schlecht bei mir selber weg. Zweifelnd stand ich da mit meinen Augen, als ich erkannte, was mir entgangen war: Ich hatte ein Autowrack im Gebüsch übersehn, verschiedene Wildschweinpfade und Vogelschlingen und die Farbe der Schlehen nicht zur Kenntnis genommen. Sehen lernen verpflichtet zu nichts und macht keine Mühe, soll keine Mühe machen. Es ist die Augenfreude in Person. Das Sehen der Kinder bildet sich unwillkürlich und zunächst an dem, was täglich vor Augen ist. Das Vorhandensein der Dinge macht alles: ihre Stofflichkeit, ihre Menge und Qualität. Das Vorhandene — oder Fehlende — heißt Milieu, Man kann ein Leben lang bei der Frage erschrecken: Was hat ein Kind vor Augen, was nimmt es wahr beim täglichen Schulweg zwischen Mietskasernen — und was wird aus seiner Neugier im Wohnungsbau, wenn dort der Jahreskalender der Sparkasse hängt? Und was kann es erleben in der feinen Stube, zwischen Postern von Marc und Miro, ohne Augenerschrecken? Das glückliche Kinderzimmer ist Mitte der Welt: Spielzeugschachtel, Schatzkiste, Rumpelkammer; Bücherstube, Museum, Indianerzelt; Wildnis, Weltraum, Höhle und feste Burg; es ist die Keimzelle aller Welterfahrung.
Sehen lernen von Bildern ist kinderleicht, sofern sie Inhalte zu erkennen geben. Zum Beispiel in Felix auf dem gelben Kissen: Tierdarstellungen aus der Weltmalerei, von den Höhlenbildern bis zur Friedenstaube Ägyptische, indische, niederländische Bilder (Elefanten, Wildschweine, Pferde und kleine Vögel). Bilder von Menzel, Rubens, Picasso und Dix. Dem Bild gegenüber steht ein erzählender Text, der die Tiere charakterisiert, das Handwerk der Maler, die Maler selbst und das Leben in ihrer Epoche. Die Auswahl der Bilder ist anfechtbar und die Qualität der Erzählungen wechselhaft (schwankend zwischen Genauigkeit mit Charme und ideologischer Fliegenklatsche). Eine Methode des Sehens ist nicht zu erkennen. Ungewöhnlich ist der Typus des Buchs: ein Handbuch zum Sehen von Bildern für jedes Kind, Was würde ich drucken, wenn ich Verleger wäre? Nun — diesen und jenen Comic und anderes mehr, und eine reiche Sammlung von Auennach Bildern durchsuchen und die Schriftsteller, meine Kollegen, um Einführung bitten. Gute Schriftsteller, gute Texte? Nein. Die besten Schriftsteller und die besten Texte. Wir würden die Kinder anderer Zeitalter zeigen, womit sie beschäftigt und wo sie zu Hause waren; die Eltern und die Familien, die Hütten und Häuser, die Landschaften, Meerfahrten und Eroberungen, die Fürsten und Strolche und wie das zusammenhängt, die Spielzeuge und Maschinen, die Städte und Gärten, die Menschen und Mäuse von vorgestern, heute und morgen — also so gut wie alles und etwas mehr. Orbis Pictus für die Kinderstube. Ich würde sehr gute Reproduktionen machen und jedes Buch um eine Lupe bereichern. Kostenlos — eine Lupe für jedes Kind. Jedes Kind muß eine Lupe haben.
Martin Klosss „Felix auf dem gelben Kissen"; Weltkreisverlag, Dortmund; 39 S, 9 80 DM.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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