Ein Brief aus dem Knast Süchtig vor der ersten Pfeife
Man muß annehmen, daß eine Massenkrankheit grassiert, Opium fürs Volk, neuzeitlich Heroin genannt! Nach offiziellen Zählen gibt es in der Bundesrepublik 60000 Drogenabhängige. Beratungsstellen und Leute, die direkt damit zu tun haben, meinen, es müßten einige mehr sein.
Daß man am besten damit fertig werden kann, wenn man jene als Gesetzesübertreter behandelt, leuchtet auf den ersten Blick vielleicht sogar ein. Das Betäubungsmittelgesetz sieht auch harte Haftstrafen dafür vor.
Da es an geeigneten Einrichtungen für straffällige Drogenabhängige fehlt und eine Strafaussetzung meist nicht möglich ist, weil es an der positiven Sozialprognose mangelt, kommt es zu dem Drehtüreffekt: Knast, Betäubungsmittel, Knast. Mit der Folge, daß jetzt die Ersttäter abgebrühter werden; sie sind durch die Knastschule gegarigen und tragen dementsprechend zum kriminellen Milieu bei.
Die Polizei hat sich inzwischen auch darauf eingerichtet und ihrerseits die Methoden verbessert; V Männer gehören zum festen Bestandteil der Drogenbekämpfung, neuerliche Festnahme, Knast, der Kreis, schließt sich. Die Ursachen liegen schon vor dem ersten Joint, beginnen im Elternhaus, in der Schule, bei der Arbeit. Dort ist fast alles in Schablonen gestanzt, du sollst, du mußt, du darfst dich anpassen und dich regulieren lassen. Daß solches zum Aufbegehren treibt, darf doch nicht verwundern. Da werden einem Wertmaßstäbe vorgesetzt, die man nicht verstehen kann!
Schule, Arbeit, Studieren — alles richtet sich nach wirtschaftlichen Prozessen, die man nicht zu durchschauen vermag. Man wird zum Außenseiter, zur Minderheit, zum Alternativen oder zum Aussteiger — fängt an, Bomben und Steine zu werfen —; leistet Widerstand — nimmt Drogen.
Ein Ausweg wäre: Drogenabhängige aus der Justizmühle rauszuhalten und Entzogenen verstärkt Therapieplätze anzubieten, verstärkt Streetworker einzusetzen, um die Szene aufzuweichen — und Entzogenen einen Einstieg in die Arbeitswelt anzubieten, die Anerkennung, es geschafft zu haben, von der Abhängigkeit loszukommen. Dies darf aber nicht einzelnen vorbehalten sein, sondern geht alle an, alle!
Noch ein P. S. Ich bin 28 Jahre, nehme seit zwölf Jahren Drogen, habe jetzt ein Jahr Gefängnis erhalten, ausschließlich wegen Konsum von Heroin, eine Drogentherapie konnte ich (durfte ich) bisher nicht durchführen! Ich bin in Revision, vor dem OLG Stuttgart, in dieser „Angelegenheit".
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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