Tropf und Tröpfe

In der vorigen Woche haben die Jusos in Berlin einen Kongreß veranstaltet mit dem Thema „Berlin am Tropf" (der Tropf — die Tröpfe?), bei dem Vertreter der SPD, der Gewerkschaften und der Alternativen Perspektiven für die Stadt bis ins Jahr 2001 aufzeigen sollten. Bei so weit gestecktem Horizont kann es nicht wundernehmen, daß mancher die unmittelbare Zukunft aus den Augen verlor. So erging es offenbar Senator Günter Gaus, dessen Ziel es doch vermutlich war, der Alternativen Liste einige Grenzwähler für die SPD abspenstig zu machen. Schwer zu sagen, ob dies seiner Argumentation gelungen ist — sicher aber ist, daß weitaus mehr unentschlossene Wähler tief verschreckt Zuflucht bei der CDU suchen werden. Nirgends sind die Bürger begreiflicherweise so auf Sicherheit bedacht wie in Berlin, wo niemand sich über die „sterilen, juristischen 4us legungsdefinitionen" der Verträge beschwert, sondern alle froh sind über die Anwesenheit der drei Garantiemächte. Mit Recht hat Peter Glotz darauf hingewiesen, dail die Stadt „nur in einem System internationaler Sicherheit" existieren kann.

Gaus Vorschlag, „die, Nato neu zu definieren", kann den Laien nur erschrecken und den Fachmann bloß verwundern; denn ein Vertrag, den fünfzehn Beteiligte geschlossen haben, kann ja wohl nicht ein einzelner neu definieren. Und daß wir bilateral Konsultationen mit der DDR „über Rüstungs- und Abrüstungsfragen" führen, ist auch nicht gerade ratsam — das, Etikett „Rapallo" wäre uns sicher. Schließlich: Ausgerechnet in Berlin über zu wenig „Zuneigung" zur DDR zu klagen, wie Gaus dies neulich tat, und jetzt zu behaupten, wir seien es, die einen dünkelhaften „Klassenstandpunkt" der DDR gegenüber einnehmen . Armer Hans Jochen Vogel! Zum erstenmal kann ich mir jetzt vorstellen, daß die CDU die 49 5 Prozent schafft, die sie braucht, um die Mehrheit der Sitze zu erringen.

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