Zeitlese

Schweigen ist Gold

Von Sokrates stammt die Erkenntnis, daß „Weisheit nidit wie Wasser durch den Wollfaden aus dem volleren Gefäß in das leerere hinüberfließt". Jetzt hat Bhagwan Shree Rajneesh den Gedanken, daß philosophische Einsichten sich nicht einfach durch Belehrung weitergeben lassen, übernommen: Vom 1. Mai an will der Meister des Ashram von Poona mit seinen Sannyasin nicht mehr sprechen, sondern eine Verständigung durch stille „Herz zu Herz Kommunion" suchen. Er zeigt sich dann nur noch schweigend. Darf man annehmen, daß der Bhagwan zur Einsicht gelangt ist, seine Anhänger verstünden ihn ohnehin nicht? Oder gibt es andere Gründe für das goldene Schweigen? Reden wir nicht von der eitlen Anmaßung, den Jüngern nicht mehr zu bieten, als den Anblick des eigenen göttlichen Körpers. Immerhin steigt durch das Schweigen der Preis der nun nur noch begrenzt erhältlichen Tonband Vorträge des Meisters. Ein kleiner Markt tut sich auf — Erwerbsquellen für arm gewordene Sannyasin. Es gibt noch mehr Positives an dem in Poona als „historisch" gewürdigten Beschluß des Bhagwan: Jetzt wird er sechzehn Jahre jungen Mädchen nicht mehr anraten, sich sterilisieren zu lassen. Und nun muß er nicht erklären, was denn die „guten Seiten Hitlers" waren, von denen kürzlich einer seiner Lieblingsschüler sprach. Vielleicht ist der Bhagwan gar westlicher Logiker geworden: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen", sagte Ludwig Wittgenstein in seinem Tractattts logico philosophicus. Doch steht zu erwarten, daß es nicht die Kehrtwendung hin zu westlicher Logik war, die den Meister zu seinem Entscheid bewog. Das könnte ihn nämlich den Job kosten, wollen doch seine Anhänger aus Amerika und Europa eher Ver- als Erklärendes von ihm hören. Nein, es muß simplere Gründe für den Entschluß geben, nicht mehr zu sprechen, etwa diesen: Dem Guru fällt nichts mehr ein.

Ein freundlich bemühtes Werk über die „V einigungskirche" des Koreaners Sun Myung Moon, der sich selbst als „Reverend", als „Messias" und „Herr der Wiederkunft" bezeichnet, ist dieser Tage erschienen. Sein Autor: Frederick Sontag, Doktor der Philosophie an einem kalifornischen College „Wo immer ich selbstlose Liebe erfahre, die in seinem Namen geübt wird, da finde ich Jesu Nachfolger", schreibt er am Ende, „einige sind in Moon Zentren, viele sind woanders Das mag schon sein, wenn auch höchst Zweifelhaft ist, ob der Reverend und seine Funktionäre dazugehören. Die Geschworenen in einem spektakulären Prozeß vor einem Londoner Gericht jedenfalls entschieden gegen Dennis Orme, den britischen Führer der „Unification Church", der die Daily Mail verklagt hatte. Die Zeitung hatte über die Moon Sekte geschrieben: „Die Kirche, die Familien zerstört", die mit psychologischen Techniken Druck ausübe und bei ihren Mitgliedern Gehirnwäsche" praktiziere. Alle Geschworenen sahen diese Anschuldigungen als erwiesen an. Der längste und kostspieligste Verleumdungsprozeß, der jemals in Großbritannien stattgefunden hat, ging Anfang April zu Ende. Kosten: Etwa 750000 Pfund. Einer" der Höhepunkte aus den sechsmonatigen Verhandlungen: Daily Mail Anwalt Lord Rawlinson ließ ein Maschinengewehr aus der Waffenfabrik des Multimillionärs Moon vorführen: „Der Mann, der sich selbst Heiland des zweiten Advents" nennt, ist ein Waffenfabrikant. Wenn es nicht so monströs wäre, dann wäre es lächerlich!" Die britische Regierung hat eine Untersuchung der Sekte angekündigt, Radio Luxemburg war in die Hände von Kindern gefallen. Kinder gestalteten das Programm, führten Regie, diskutierten über Themen, die Kinder gestellt hatten, Kinder waren Ansager und Discjodcey — einen ganzen Tag lang. So jedenfalls wars geplant, und so lief es zunächst auch ab, zur Freude der jugendlichen Rundfunkmacher und ihrer kleinen wie großen Hörer. Doch mit der Nadimittagsschicht kam ein Toningenieur in den Regieraum, dem die Kinderei ganz und gar nicht paßte. Sein Heiligtum sah er von sechs Mädchen und Jungen besetzt, die auch mal einen Regler bedienen durften „Das geht nicht", befand der Ingenieur, und sogleich fiel ihm eine im Sendealltag nicht eben häufig eingehaltene Anordnung ein, nach der sich im Regieraum nicht mehr als zwei Personen aufhalten dürfen. Die Belange der Kinder, das mußten diese mal wieder erfahren, werden belanglos, wenn sich ein Erwachsener in seiner Eitelkeit gekränkt fühlt.

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