Von Fritz J. Raddatz

Ich möchte an das System der deutschen Konzentrationslager erinnern. Auch hier herrschte weitgehend die Meinung, es handele sich um Dinge, die wir nicht fassen könnten. Und doch zeigt es sich, daß auch das Schrecklichste immer noch menschliche Proportionen besitzt, und daß alles, was von Menschen in die Wege geleitet worden ist, seinen Ursprung und seine Erklärung hat.“

Diese Sätze stammen aus dem Jahre 1966. Peter Weiss schrieb sie (Kursbuch Nr. 6) im Zusammenhang einer Polemik mit und gegen Hans Magnus Enzensberger über politische (Doppel-)Moral und Aktivität des Schriftstellers, Sie lesen sich, hält man nun, fünfzehn Jahre später, ratlos den dritten Band seines ehrgeizigen Romanunternehmens in Händen, wie eine „Urzelle“ dazu, ein Impetus –

Peter Weiss: „Die Ästhetik des Widerstands“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1981; 268 Seiten, 38,– DM.

Der ganze Streit, seine Erbitterung und seine Argumentation, scheinen Pate gestanden zu haben; über Bord werfen, expressis verbis, wollte von jetzt an der esoterische Künstler des „Schatten des Körpers des Kutschers“ den Schatten der „esoterischen Kunst“. Er wollte kämpfen, Schulter an Schulter, nicht nur für die, nein: mit den Ausgebeuteten dieser Erde. Enzensberger – „Wer klopft sich da eigentlich immerfort selbst auf die Schulter?“ – höhnte „Peter Weiss und andere“: „Unsere selbsternannten Vorbilder sind solidarisch mit den Unterdrückten. Sie bekennen Farbe. Wir andern hingegen sitzen in unsern Fünf-Zimmer-Wohnungen. Wir schreiben ja nur – Das sind ja bloße Worte... Dagegen Peter Weiss und anderel Die gefährden sich. Die kämpfen. Die haben nichts zu tun mit der Gesellschaft, in der sie leben. Die sind ausgetreten. Die stehen Schulter an Schulter mit dem schwarzen Grubenarbeiter in den Kupferminen von Transvaal, mit dem asiatischen Reisbauern in den Feldern von Südvietnam, mit dem peruanischen Indio in den Vanadiumbergwerken. Da stehen sie, Schulter an Schulter an Schulter, und kämpfen. Peter Weiss und andere sind nicht, wie wir, Komplizen der reichen Welt. Sie zeigen uns, mit ein paar Interviews, wie leicht Solidarität zu verwirklichen ist: mit ein paar Interviews.“

Oder mit ein paar Romanen? Diese Anschlußfrage klingt schnöde, und die Feststellung, daß es sich um ein rundum mißglücktes Unternehmen handelt, auch. „Der Kritiker hat das Buch nicht gelesen“ ist die sich zunächst anbietende Schutzbehauptung; „er hat was gegen den Autor“ die zweite. Entgegen dem Usus erkläre ich feierlich: Ich habe jede Zeile dieser insgesamt 955 Seiten gelesen, und ich habe nichts gegen Peter Weiss; ich habe alles gegen diesen gigantischen Prosa-Irrtum, gegen die vertane Kraft und vergeudete (weil nicht eingesetzte) Phantasie eines großen Schriftstellers. Als unpolitisch, gar hochmütig habe ich bereits die ersten beiden Bände bezeichnet (ZEIT 42/75 und 47/78) – und als die vollkommen verspielte Chance, ein bedeutendes Thema sinnfällig zu machen, bietet sich mir dieser abschließende Band dar.

Das große Thema: Peter Weiss, der als ein knapp der Ausrottung entgangener jüdischer Emigrant weiß, wovon er spricht, wollte ein Riesenfresko der Gejagten und ihrer Häscher an die Wand malen; Menetekel für Unterdrückung und Gewalt auch der Jetztzeit, keine historischautobiographische Reminiszenz, sondern Reflexion über Schuld und Versagen. Eine Studie über versunkene Moral, über morallos Versenkte. Dieser dritte Band beginnt mit einem wunderbar anrührenden, ja: erschütternden Porträt der Mutter des auf Umwegen nach Schweden gelangten Erzählers, die von Not und Qual in die Nacht der Wahrnehmungslosigkeit getrieben war: