Das Lied vom Theo, der nach „Lodsch“ fahren soll, mochte ich noch nie. Es gab eine Zeit, da wurde Łódz auch so geschrieben, wie es im Schlager scheinpolnisch ausgesprochen wird. Das war 1939/40 nach dem deutschen Überfall auf Polen, bevor Reichsstatthalter Greiser verkündete: „Lodsch gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Litzmannstadt.“

Diese Umbenennung nach Erobererart wäre noch kein ausreichender Grund für die Allergie gegen den gedächtnislos heiteren Hit. Nur verdrängt er auch, daß der Eroberer Hitler hieß, bei dem das deutsche Etikett tödlich ernst gemeint war. „Rücksichtslose Germanisierung“ des im Osten zu gewinnenden „Lebensraums“ war von Anfang an sein Programm. Łódz wurde zum Musterbeispiel dafür, was das hieß: Enteignung, Aussiedlung, Vertreibung, Gettoisierung, Ausrottung „Fremdvölkischer“ und „Fremdrassischer“.

In Łódz richteten die Nazis das erste polnische Ghetto ein. Über 100 000 Juden dürften darin um ihr Leben arbeiten für die deutsche Rüstungsindustrie. Die nicht oder nicht mehr Arbeitsfähigen, vornehmlich Kinder, Alte und Frauen, wurden aussortiert und zur Vergasung nach Chelmno, besser berüchtigt als Kulmhof, geschickt. Die Lücken füllten „Neuzugänge“ aus dem „Altreich“ und den besetzten Gebieten.

Betrug vor dem Kriege die Todesrate unter der jüdischen Bevölkerung 9,8 auf 1000, so schnellte sie unter der Herrschaft von SS und Gestapo auf 159,8, von den Deportierten ganz zu schweigen; die lebten ja beim Abtransport noch. 1944 wurden die Massengräber von Kulmhof in eiliger „Enterdungsaktion“ vor der anrückenden Roten Armee beseitigt. Das Ghetto, das einzige in Polen noch existierende, löste die SS auf. Die Überlebenden kamen nach Auschwitz.

Der Alptraum „Litzmannstadt“ steht im Zentrum von

Gerda Zorn: „Nach Ostland geht unser Ritt. Deutsche Eroberungspolitik zwischen Germanisierung und Völkermord“; J. H. W. Dietz Nachf. Berlin, Bonn 1980; 192 S., 20,– DM,

ein Buch, das im NS-Völkermord im Osten nur das letzte Glied einer Kette sieht, die bis zu Otto dem Großen zurückreicht. Gewiß, die Hitlersche „Lebensraum“-Politik war nichts wesensmäßig Neues, wie Imperialismus nichts spezifisch Deutsches ist. In die Irre aber führt die Parallelisierung von Judenvernichtung und früherem deutschen Ausgreifen nach Osten.