Von Julius H. Schoeps

Das Gleichheitsprinzip gilt vielen als der Maßstab, an dem heute der Entwicklungsstand unserer Gesellschaft gemessen und beurteilt wird. Stimmt das? Hat das Gleichheitsprinzip diese Funktion und entspricht unser politisches Verhalten dieser Maxime? Wir fordern die Demokratisierung aller Lebensbereiche, und meinen damit die Verwirklichung von Freiheit und die Durchsetzung rechtlicher, politischer und sozialer Gleichheit. Wissen wir aber tatsächlich, was wir da fordern? Wir setzen Freiheit als selbstverständlich voraus, reden von Gleichheit und bekennen uns zum Prinzip der Gleichberechtigung in dieser unserer Gesellschaft – und nur die wenigsten sind sich vermutlich bewußt warum.

Was Gleichheit bedeutet, und was es mit dem Gleichheitspostulat auf sich hat, darüber erfährt man mehr bei:

Otto Dann: „Gleichheit und Gleichberechtigung. Das Gleichheitspostulat in der alteuropäischen Tradition und in Deutschland bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert“; Duncker & Humblot, Berlin/München 1980, 266 S., 58,– DM.

Die Kölner Habilitationsschrift konzentriert sich auf die Frage, wie der moderne Gleichheitsbegriff entstanden ist, vor allem jedoch wie er in den tiefgreifenden Wandlungsprozeß des politischen Denkens einzuordnen ist, der sich in der Epoche der modernen bürgerlichen Revolution, also zwischen dem späten 18. Jahrhundert und etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen hat. Dann weiß man natürlich, daß der Begriff selbst älter ist und eine lange Tradition hat, die bis in die Antike zurückreicht. Bereits Plato und Aristoteles dachten über den Zusammenhang zwischen demokratischer Verfassungsform, Freiheit und politischer Gleichberechtigung nach. „Das sind die gemeinsamen Eigenschäften aller Demokratien“, heißt es in Aristoteles’ „Politeia“. „Aus der Gerechtigkeit, die als demokratisch gilt, nämlich daß quantitativ alle das gleiche haben, entspringt eben jene Verfassung, die am meisten demokratisch und volkstümlich zu sein scheint. Die Gleichheit besteht darin, daß Arme und Reiche in gleicher Weise regieren, daß nicht einzelne allein entscheiden, sondern alle gleichmäßig nach ihrer Zahl. So, meint man, sei für die Verfassung die Gleichheit und die Freiheit garantiert.“

Der Aufstieg des modernen europäischen Bürgertums ist ohne das Gleichheitspostulat nicht denkbar. Die aus der modernen Naturrechtstheorie erwachsene Vorstellung, daß alle Menschen auf Grund ihres Menschseins in der Staatsordnung und im Recht gleichgestellt sein und gleich behandelt werden sollen, und zwar ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Ungleichheiten zwischen ihnen – diese Vorstellung führte im späten 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert zur Gleichstellung von Bürgertum und Adel, machte die bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftsordnung möglich und schuf letzten Endes die bürgerliche Gesellschaft, wie wir sie heute kennen. Es war ein revolutionärer Vorgang, ein „umfassendes Modernisierungsprogramm“, wie Dann meint.

Das Gleichheitsprinzip war und ist noch immer ständig Mißverständnissen und Fehleinschätzungen ausgesetzt. Bestimmte vorhandene (nicht veränderbare) Ungleichheiten zwischen den Menschen (etwa Geschlecht, Alter, körperliche und geistige Anlagen) können natürlich nicht per definitionem aufgehoben werden. Beseitigt werden können nur solche, die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse wie Bildung, Besitz und anderes betreffen. Wird das Gleichheitsprinzip aber nun verabsolutiert, wird es auf alle Bereiche des Lebens angewendet, dann besteht die Gefahr, daß die Gleichheit auf Kosten der Freiheit durchgesetzt wird. Ein Denker wie Alexis de Tocqueville warnte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts davor, daß in der Demokratie Gleichheit in Knechtschaft umschlagen, die Nivellierung aller privaten und gesellschaftlichen Verhältnisse den Verlust der Freiheit zur Folge haben könne.