Die Furcht vor einem zweiten Putsch wächst

Madrid, im Mai

Ministerpräsident Leopoldo Calvo-Sotelo demonstrierte Gelassenheit: Auf dem Flughafen von Lissabon, wo er gerade zu einem kurzen Besuch eingetroffen war, nannte er alle Gerüchte über einen möglichen zweiten Putsch-, versuch „völlig grundlos“. Skeptisch nachfragenden Journalisten gab er die Antwort, sein Abstecher nach Portugal sei wohl der beste Beweis, daß sich Spanien in ruhigem Zustand befinde. Einen Tag später erreichte den heimreisenden Calvo-Sotelo die Nachricht von zwei scheußlichen Terror-Attentaten in Madrid und Barcelona. In der spanischen Hauptstadt, war Brigadegeneral Gonzalez Suso beim Verlassen seiner Wohnung am hellichten Tag erschossen worden. In Barcelona ermordeten Terroristen zwei Mitglieder der paramilitärischen Bereitschaftspolizei Guardia Civil beim Frühstück in einer Bar.

Das Doppel-Attentat vom vergangenen Montag hat die Besorgnis verstärkt, daß eine ultrarechte, in spanischen Geheimdienst- und Militärkreisen versteckte Bewegung einen zweiten Staatsstreich-Versuch provozieren will. Denn erneut hatte sich in diesem äußerst kritischen Moment die „Revolutionäre antifaschistische Bewegung 1. Oktober“ (Grapo) auf der Terrorszene zurückgemeldet; in Madrid wie in Barcelona wurden die Täter als langgesuchte Grapo-Terroristen identifiziert. Immer wieder hat diese politisch diffuse, zwischen brutalem Gangstertum und vernebeltem Linksextremismus angesiedelte Terror-Gruppe bei den Anschlägen gegen Offiziere und Polizisten mit der baskischen ETAmilitar gemeinsame Sache gemacht.

Die Grapo besitzt – entgegen ihrem Namen – keinerlei „Infrastruktur“; sie scheint aus Einzelkämpfern zu bestehen. Noch am vergangenen Sonntag hatte Spaniens Chef für die Terrorbekämpfung, Jaime Ballesteros, die Vermutung geäußert, Grapo-Attentäter könnten sich mit rechtsradikalen Geheimdienst- und Polizeikreisen verbünden. Der ermordete Brigadegeneral Gonzalez Suso war in den Streitkräften als liberaler Reformer bekannt, seine Ermordung ist geeignet, gerade die verfassungs- und königstreuen Mitglieder der Armee zum Aufruhr zu treiben.

Die Vermutung scheint berechtigt: Indiskretionen aus Kreisen der Streitkräfte beweisen, daß hohe Generäle und Offiziere zwar den Putschversuch vom 23. Februar verurteilen, doch zugleich warnend verlangen, die Putschisten gefälligst als „spanische Patrioten“ zu behandeln. Die Entlassung des Panzergenerals José Juste wirft ein krasses Licht auf die Boykottmentalität innerhalb der Armee: Offenbar hat die Absetzung des in den Putsch verwickelten Juste mehr als zwei Monate gedauert, weil sich unter mehr als hundert befragten Generälen keiner bereiterklärte, die Nachfolge anzutreten. José Juste befehligte die Eliteeinheit von Brunete I, die an der aktiven Vorbereitung des Militärkomplotts und der Durchführung des Aufstands beteiligt war.

Nicht weniger perfekt organisiert erscheint jene Kette von Indiskretionen, die kurz hintereinander ausgerechnet in Spaniens liberal-konservativer Presse erschien. Nach dem umstrittenen Abdruck einer pathetischen Rechtfertigung von Putsch-Oberst Tejero Molina in der monarchistisch-konservativen Zeitung ABC folgte das regierungsnahe Diario 16. Das Blatt veröffentlichte die phantastischen Aussagen Tejeros, wonach nicht nur die Mehrheit der hohen Generalität, sondern selbst Spaniens König in die Vorbereitung des Staatsstreiches verwickelt waren.