Von Raimund Hoghe

Beim Durchblättern des Archivmaterials tritt sie mir als Prototyp der „erfolgreichen, selbstbewußten, modernen Frau“ entgegen – „Die Blonde mit dem festen Blick“ als „Beispiel weiblicher Aktivität“, dem wohlwollend attestiert wird: „Eine Frau geht ihren Weg“. Die erste Begegnung, morgens um neun in der Redaktion einer Berliner Stadtzeitung, festigt das vorgefertigte Bild. Bei den Dreharbeiten zu ihrem neuen Film „Die bleierne Zeit“ erlebe ich die Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin nach kurzer, distanzierter Begrüßung energisch, selbstsicher, beherrscht. Ich ziehe mich in eine Ecke zurück, notiere Regieanweisungen „Schneller gehen – nicht so einen Schlendergang einüben“, Äußerlichkeiten: unauffälliger Sakko, T-Shirt, Jeans, glatte Haare.

Abends um neun die zweite Begegnung in der Hotelhalle. Wir beschließen, ins gegenüberliegende Hotelrestaurant zu gehen. Auf der Straße fragt Margarethe von Trotta, woher ich komme. Düsseldorf. „Da bin ich ein paar Jahre zur Schule gegangen – bei den Diakonissen in Kaiserswerth.“ Als wir uns gegenübersitzen, meint sie, sie stelle es sich schwer vor, ein Porträt zu schreiben. „Ich wüßte das gar nicht zu sagen, wenn ich mich definieren müßte. Da gibt es so viele widersprüchliche Seiten – deshalb brauche ich ja auch so viele Frauen in meinen Filmen.“ Das Bild, das an einem Drehtag wie dem vergangenen entstehe, zeige nur eine Seite – „wo ich mit zwanzig Leuten umgehe und stark wirke“. In einer anderen Situation, etwa nach einem ihrer Schreckensträume, käme ein ganz anderes Bild heraus – „von einer nervösen, zittrigen Frau. Aber dann auch wieder die Rebellin.“ Doch während sie über persönliche Widersprüche und Zwiespältigkeiten spricht, kommen ihr die Aussagen zu simpel vor „Das sind ja nur die Klischees.“

Sie habe eigentlich immer weniger Lust, sich verbal zu äußern, stellt Margarethe von Trotta irgendwann an diesem Abend fest – „ich möchte das lieber in meinen Filmen sagen. Ich hab’ auch keine Lust mehr, mich zu beweisen oder mich als Person herauszustellen. Mit den beiden ersten Filmen hatte ich das vielleicht noch – das hat vielleicht auch mit dem Tod meiner Mutter zu tun, zu der ich ein sehr inniges Verhältnis hatte.“ Seit deren Tod im Frühjahr 1979 sei ihr das verbaut, „dieses – sich unbedingt zu profilieren. Es ist aber nicht so, daß mir der Ehrgeiz für die Sache vergangen ist, da werde ich eher strenger.“ Ihre Arbeit, vermutet sie, „wird vielleicht extremer, weil ich immer mehr die Phantasie und Traumbereiche einbeziehe“.

„Die bleierne Zeit“, ihre dritte Regiearbeit, ist einer dieser Versuche, verschiedene Realitätsebenen zu verbinden. „Mit diesem Film“, erklärt Margarethe von Trotta in einem Pressetext, „versuche ich eine Synthese zwischen meinem ersten und zweiten Film. ‚Das zweite Erwachen der Christa Klages‘ war eine Bestandsaufnahme der äußeren Befindlichkeiten in der Bundesrepublik. Der zweite Film, „Schwestern oder die Balance des Glücks konzentrierte sich auf Innenleben, auf Emotionen und Gefühle, die natürlich auch abhängig sind von dem, was wir in unserer Gesellschaft vorfinden. ‚Die bleierne Zeit‘ wird beide Ebenen haben, nach innen und außen blicken.“

Das Außen: unter anderem die Bundesrepublik der „emotionslosen, tristen fünfziger Jahre“, in denen Margarethe von Trotta wie die beiden Hauptfiguren ihres Films, die Schwestern Juliane und Marianne, aufgewachsen ist. „Es gibt eine Zeile in einem Gedicht von Hölderlin, die mein Zeitgefühl der fünfziger Jahre genau beschreibt: ‚...fast will mir erscheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit...‘“, schreibt die 1942 in Berlin geborene Filmemacherin in ihrem Text zur „Bleiernen Zeit“, und: „Entweder man erstickt darin oder man befreit sich gewaltsam. Und das tun die beiden Frauen schließlich, wenn auch auf sehr verschiedene Weise.“ Die eine schließt sich nach ’68 der Frauenbewegung an und arbeitet an einer schrittweisen Veränderung der Verhältnisse, die andere fügt sich erst in ein bürgerliches Lebensbild und geht dann in den politischen Untergrund, wird als Terroristin verhaftet und kommt im Gefängnis um. Parallelen zu realen Ereignissen: nicht zufällig. Mit entsprechenden Namen ist Margarethe von Trotta jedoch zurückhaltend. Ihr Film wolle kein dokumentarisches Abziehbild der Realität liefern. Dann würde nur noch über die Authentizität des Films geredet – auf Kosten der sie vor allem interessierenden anderen Seite der Geschichte: den Versuch der überlebenden Schwester, Klarheit über den ungeklärten Tod der Schwester zu bekommen, deren Entwicklung nachzuvollziehen und Trauerarbeit zu leisten, „fast eine Totengräberarbeit“ in einer Gesellschaft; die nicht nur den Tod der Terroristin verdrängt.

„Trauer, das wird zwischen vielerlei Tun ein einsames Geschäft“ – eine Zeile von Ingeborg Bachmann, die Margarethe von Trotta ihrem Film voranstellt. Auf Trauerarbeit und Tod kommen wir auch im Gespräch immer wieder zurück. Als wir über ihre zahlreichen Aktivitäten sprechen, bezeichnet sie sich als „todesbesessenen Menschen – deshalb muß ich die Zeit. auch immer nutzen“. Um Leerlauf zu vermeiden und „nicht der Schwermut zu verfallen“, bereite sie bei der Arbeit an einer Sache immer schon die nächste vor. Eingeschränkt hat sie zur Zeit nur die Arbeit, durch die sie zunächst bekannt wurde: die als Schauspielerin. Sie bekomme zwar immer wieder Angebote, „die ich spontan auch gern annehmen würde – aber dann überleg’ ich immer, was ich in der Zeit sonst noch tun könnte“. Und vor die Entscheidung gestellt, vor oder hinter der Kamera zu stehen, wählt die unter anderem in Filmen von Achternbusch, Fassbinder und Schlöndorff erfolgreiche Schauspielerin heute ohne Zögern die zweite Möglichkeit. „Einen eigenen Film zu machen, ist meiner Geschichte nach eine Konsequenz“, stellte Margarethe von Trotta einmal fest. „Jetzt bestimme ich selbst, hingeschaut und mitgedacht habe ich schon immer.“