Die schweigende Mehrheit wendet sich gegen die Mullahs

Von Andreas Kohlschütter

Teheran, April/Mai

Die gehässige Politpropaganda der religiösen Fanatiker steuert auf eine Polarisierung zu, die gefährliche Kräfte. freisetzt. Die Radikalisierung, die sie selbst betreiben, kann den Klerikern über den Kopf wachsen. Eben das befürchten die einen und erhoffen sich die anderen. Die Kritik am klerikal-islamischen Regime wird immer aggressiver, die Wogen der allgemeinen Unzufriedenheit schwellen immer bedrohlicher an.

Schonungslos wettert Präsident Bani Sadr vor einem nationalen Auditorium gegen „den Despotismus im Namen der Religion“, über „das häßliche Gesicht der Revolution“. „Wir wollen Jobs, Brot und Freiheit“ wird auf einer von den marxistisch-leninistischen Volks-Fedajin organisierten Demonstration geschrien. Hunderttausend linksradikale Volks-Mudjahedin und deren Sympathisanten protestieren in den Straßen Teherans gegen die systematische Schikanierung, Inhaftierung und Massakrierung ihrer Anhänger durch Revolutionsmilizen. Die Volks-Mudjahedin besitzen Stadtguerilla-Erfahrung, sind bewaffnet, streben im Namen ihres sozialistischen Islam und Anti-Imperialismus – der Moskau schont – einen harten, durch und durch kollektivierten, volksdemokratischen Arbeiterstaat an.

In Shiraz kommt es zu blutigen Straßenschlachten zwischen überstrapazierten, auch schon am Hungertuch nagenden Bürgern und Kriegsflüchtlingen aus Chusestan. In Isphahan streiken Hunderte von jugendlichen Staatsangestellten, in Teheran die Busfahrer. In den Fabriken fordern Arbeiter bessere Lebensmittelversorgung, höhere Löhne, die Ausbezahlung des Neujahrsbonus.

„Wir ersticken, wir brauchen den Sauerstoff der Freiheit“, lamentiert Hadj Mahmud Manian, einer der tonangebenden Großkaufleute im Teheraner Bazar. Er flucht über die unfähigen Kleriker, die nichts vom Geldverdienen und von Ökonomie verstehen und die Wirtschaftsmisere nicht in den Griff bekommen: „Sie haben die Revolution gemacht, um die Lebensbedingungen im Iran zu verbessern, nicht um durch Hunger ins Mullah-Paradies zu kommen. Wenn man nichts gegen die Armut tut, dann wird die Religion vergessen, dann entfernen sich die Menschen vom Islam. Wir haben den kommunistischen Dieb in unserem Haus erkannt. Wir wissen auch, daß unsere Wirtschaft ohne Sauerstoff nicht wieder auf die Beine kommt. Deshalb sind wir so hinter der Freiheit her.“