Von Heiner Höfener

Für die Bruder Grimm war Arbeit – wie in ihrem „Deutschen Wörterbuch“ von 1854 nachzulesen ist – „ein uraltes, viel merkwürdige Seiten darbietendes Wort“. Merkwürdig sollte das Wort auch bleiben. So merkwürdig jedenfalls, daß der Begriff Arbeit im Fischer Lexikon „Wirtschaft“ von Heinrich Rittershausen erst gar nicht vorkommt – weder als Stichwort, noch im Register. Man muß schon sehr lange suchen, um den Begriff Arbeit dennoch zu finden: unter „K“ und unter „N“, als „Kinderarbeit“ und als „Nachtarbeit (Frauen)“. Dort erfährt der interessierte Leser, daß beides verboten ist.

Doch während heute die Wirtschaft. wenn diesen Ökonomen zu trauen ist – ganz ohne Arbeit auszukommen scheint, avancierte dieser merkwürdige Begriff in den letzten Jahren zum vornehmsten Gegenstand der Sozialhistoriker und Sozialphilosophen. Aus sozialgeschichtlichem Blickwinkel gingen auch die jungen Wissenschaftler Arne Eggebrecht, Jens Flemming, Gert Meyer, Achatz v. Müller, Alfred Oppolzer, Akos Paulimyi und Helmuth Schneider zu Werke, um die nun auch schon in die Jahre gekommene Brechtsche Frage, wer das siebentorige Theben erbaute, zu beantworten. Resultat ihrer Forschungen ist eine Buchbindersynthese:

„Geschichte der Arbeit. Vom Alten Ägypten bis zur Gegenwart“; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1980; 463 S., 54,– DM.

Der Buchtitel macht Anspruch, ein – wie auch immer gebrochenes – Kontinuum vorzuführen. Doch schon im Vorwort bekennt der Herausgeber Helmuth Schneider Mut zur Lücke. Der freilich ist monumental geraten.

Als Beispiel einer Periode nach der Neolithischen Revolution, sicherlich auch mit Seitenblick auf den derzeitigen Ägypten-Boom, liefert Arne Eggebrecht einen recht hilf- und sprachlosen Beitrag über Arbeit im alten Ägypten. Dort ist zu erfahren, „daß der heutige Begriff .Arbeiter’ im alten Ägypten nicht existierte“, auch daß es für Arbeit keine allgemeine Bezeichnung gab, dennoch weiß Eggebrecht sogar von „Schwarzarbeit“ zu berichten. Wo Erklärungen fehlen, sind rasch Beteuerungsformeln zur Hand: da haben wir ein „nicht wegzudiskutierendes Phänomen“; da kommt einem Umstand „eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu“ – und alles „bewiesenermaßen“.

Über Arbeit im klassischen Griechenland ist leider nichts zu erfahren. Von Ägypten geht’s gleich zum Imperium Romanum, das als Beispiel antiker Sklavenwirtschaft von Helmuth Schneider abgehandelt und abgefertigt wird. Dank besserer Quellenlage kann Schneider auch anschaulich die Arbeitsbedingungen, die soziale Lage der arbeitenden Bevölkerung und die sozialen Konflikte schildern und auch manches über den Stand der damaligen Technik berichten. Wo allerdings – wie in diesem Buch durchgängig – der jeweilige ideologische Aspekt der Rechtfertigung von Arbeit in den verschiedenen Gesellschaften vernachlässigt wird, gerät das Ergebnis dürftig: „Die Sklaven mußten anstrengende körperliche Arbeit leisten.“