München

Die Herren am rechten Biertisch im Münchener Hofbräuhaus merkten als erste: „Des san ja Linke.“ Auf der Bühne zogen die „Biermösl-Blasn“ beim traditionellen Maibock-Anstich bajuwarisches Heiligtum durch den Kakao. Manchem im geselligen Rund wurde da das frisch gezapfte Starkbier sauer. Geladen hatte Bayerns Finanzminister Max Streibl, und nur wenige aus der Politprominenz von links bis rechts hatten sich letzte Woche das große Gelage im Hofbräuhaus entgehen lassen. Leider weilte Franz Josef Strauß gerade in Pakistan und konnte so nicht hören, wie sich die Freistaat-Hymne („Gott mit dir, du Land der Bayern“) in der Fassung der „Biermösl-Blasn“ anhört: „Gott mit diar du Land der Baywa, deutscher Dünger aus Phosphat. Über deinen weiten Fluren liegt Chemie von früh bis späht. Und so wachsen deine Rüben, so ernährest du die Sau. Herrgott bleib dahoam im Himmel, mir ham Nitrophoska blau.“

Neu ist diese „Verschandelung einer Hymne“ (Bauernverbandspräsident Gustav Sühler) nicht. Der Bayerische Rundfunk, der das Werk einmal ausgestrahlt hatte und dafür harsche Proteste bekam, weigert sich, die „Biermösl“-Version jemals wieder zu senden. Wie kamen daher die drei Ketzer zu der Ehre, beim großen Bierfest des CSU-Ministers aufzuspielen?

Keine „Rote Zelle München“, sondern der biedere Ministerialrat und Referent für Organisatorisches Max Forster hatte die „Biermösl-Blasn“ als volksmusikalischen Beitrag eingeladen – auf Anraten seines Sohnes, der die drei Brüder aus Nassenhausen (zwischen München und Augsburg im „Biermoos“ gelegen) auf einer Hochzeitsfeier gehört hatte. Außerdem sind der Lehrer Hansi, der Erzieher Mike und Stofferl, der Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern, in der Münchner Kleinkunstszene berühmt und beliebt: Grund genug für den Streibl-Beamten, die einstmals vielgepriesene „Liberalitas Bavariae“ bei seinem Dienstherrn zu testen.

Es wäre auch gut gegangen, schließlich hatte Forster den Biermösl-Blasn angeraten, das Baywa-Lied nicht zu bringen, weil „euch sonst der Streibl das Wort verbietet“. Doch nachdem „die da drunten im Trachtenanzug net Staad (ruhig) sein wollten und da Streibl no was gsagt hat vom ‚Bier, das sich net mit Chemie vertragt‘“, hat der Hansi, wie er erzählt, die Wut gekriegt. Und dann haben sie’s halt gesungen, das garstig Lied vom „Nachtgebet eines modernen Landwirts“.

Und weil sie schon drinnen waren im Verbotenen, machten sie gleich weiter: mit „Gsangln“ gegen Kernkraftwerke, gegen die Nürnberger Massenverhaftungen (wobei sie zwei Ministern empfahlen, den Hut zu nehmen) und über Straußens Generalsekretär: „Dem Stoiber gilt der Sängergruß, schwarzbraun ist die Haselnuß.“

Zwar gingen die Boshaftigkeiten der „Biermösl-Blasn“ dann weitgehend im Bierlärm unter. Doch wer hören wollte, hörte mit. Und einige spendierten den drei Musikanten ein Extradankeschön, so ein hoher Richter des Oberlandesgerichts, der dem Hansi die Hand schüttelte und sagte: „Eigentlich vor die Säue geschüttet.“ Und auch manch ein CSU-Politiker klopfte sich (heimlich) auf die Schenkel.