Die Jugend kämpft gegen die Verherrlichung des Bestehenden

Von Alfred Grosser

Alfred Grosser ist Professor für Politische Wissenschaften an der Pariser Sorbonne. Er gilt als kritischer und engagierter Beobachter der Bundesrepublik.

Zunächst einmal: So schlecht geht es doch gar nicht und ein guter Teil von dem, was schlecht geht, hat gar nichts spezifisch Deutschem an sich.

Die Bonner Demokratie funktioniert ohne große Schwierigkeit. Nach einem gar nicht so harten Wahlkampf hat es wieder einmal eine hohe Wahlbeteiligung gegeben, und fast alle Wähler haben ihre Stimme einer der Parteien gegeben, die diese Demokratie uneingeschränkt bejahen. Und wenn es heute für Helmut Schmidt mehr politische Probleme gibt als für Valéry Giscard d’Estaing, so eben, weil die Bundesrepublik demokratischer ist als das heutige Frankreich. Glücklicherweise ist die Bundesrepublik nicht nur eine Kanzler-Demokratie, sondern auch ein Parteien-Staat, was Kontroversen auslöst wie die zwischen Helmut Schmidt und seiner Partei: Wer Parteienwem in wessen Namen Solidarität? Dabei ist die Regierbarkeit größer als in Frankreich, weil der Konsens der Mächtigen größer ist als in den anderen europäischen Staaten.

Und die Parteienverdrossenheit, der allgemeine Mißmut? Gewiß, aber wenn man nach England blickt oder nach Belgien, oder auch nach Frankreich ... Die Jugendunruhen sind ja kein spezifisch deutsches Phänomen, und sie haben natürlich, wie in den sechziger Jahren, auch transnationale Ursachen. Aber es gibt doch eine Reihe von bundesdeutschen Besonderheiten.

Die Bundesrepublik ist nämlich kein Staat wie die anderen, kein „normaler“ Zustand. Sie ist ein beherrschtes Objekt mit Hitlervergangenheit. Es geht um den ständigen Blick nach rückwärts und um den ständigen Blick nach oben.