Von Gottfried Sello

Man kennt ihn vor allem als Eisenbildhauer. Die Geschichte, wie Chillida zum Eisen kam, klingt wie eine Künstlerlegende, ein Dichter könnte sie erfunden haben, aber sie entspricht ungefähr den Tatsachen.

Chillida arbeitete in Paris, nachdem er sein Architekturstudium in Madrid aufgegeben hatte, er versuchte sich am Stein, dem traditionellen Material des Bildhauers, dem er weibliche Formen abgewann. Aber er war mit sich und seiner Arbeit so unzufrieden, daß er viele dieser weiblichen Skulpturen zerstörte. Fluchtartig hat er 1951 Paris verlassen, ist in seine Heimat, ins Baskenland zurückgegangen. Die Dorfschmiede wurde sein Damaskus, sie hat ihm zu seinem Werkstoff, seiner Technik, seinem Stil verholfen.

Chillida und das Eisen: „Ein Stück Eisen, das ist vor allem eine Idee, die einen erfaßt, eine Idee und eine Kraft, unnachgiebig wie ein Ding, Ich weiß, daß ich es mir unterwerfen muß, ihm die Spannung aufzwingen muß, die ich in mir fühle, daß ich aus dieser Dynamik ein Thema entwickeln muß.“

Die ersten Eisenskulpturen sind in den frühen fünfziger Jahren entstanden. Schon damals tauchen die Themen auf, die ihn über Jahre und Jahrzehnte beschäftigen, wobei „Thema“ freilich nicht als die treibende Kraft zu verstehen ist, als das Ziel, das Chillida vor Augen steht: Es ergibt sich aus der Arbeit mit dem Eisen, das seine Materialität, seinen Widerstand und seine Bildsamkeit in die Gestaltung mit einbringt. „Amboß der Träume“ ist eines der frühen und wichtigen Themen, von dem nicht weniger als 17 unterschiedliche Fassungen aus den Jahren zwischen 1954 und 1966 existieren. „Amboß der Träume“: Die Bezeichnung ist mißverständlich, sie verrät Chillidas Neigung zu poetischer Benennung, die er später durch eine sachliche Diktion überwunden hat. Es handelt sich bei dieser Eisenskulptur (die dritte aus der Amboßreihe ist jetzt in Hannover ausgestellt) nicht um den Amboß, auf dem der Künstler seine Träume schmiedet. Was Chillida hier vorführt, ist kein poetisches, sondern ein eminent plastisches Ereignis: Der Amboß hat wie der Blitz ins Holz eingeschlagen, das den Sockel, eine Art Hauklotz, darstellt für die Eisenskulptur, eine doppelt und dreifach geschwungene Axt mit scharfen Zähnen und Kanten. Im „Amboß der Träume“ ist die reale Situation der Schmiede auf den Kopf gestellt. Der Amboß hat den aktiven Part übernommen, er ist das Werkzeug und die Hand, die es führt, beides in einem; er ist außerdem ein drittes, eine abstrakte Skulptur, ohne Bezug auf das Inventar der Schmiede, die autonom im Raum steht und dabei etwas durchaus Konkretes bezeichnet, eine zupackende, schneidende, aggressive Energie.

Die „Windkämme“ (Peines del viento), das andere große Thema, hat Chillida bis in riesenhafte Dimensionen entwickelt, bis zu den drei mächtigen Skulpturen am Strand von San Sebastian, die in Felsen verankert sind und vom Meer überspült werden. Der erste „Windkamm“, datiert 1952, ist in der Ausstellung zu sehen: scharfe, stachlige Formen, die nach allen Seiten auseinanderstreben, die – sehr von fern – an die gespreizten Finger einer Hand oder an die Zinken vom Kamm erinnern und solche gegenständlichen Vorstellungen aber auch wieder vergessen lassen, weil es keine Zinken und keine Finder, sondern geschmiedete Formen sind, die den Wind kämmen, die sich gegen den Raum, gegen die Elemente behaupten.

Für diese frühen Arbeiten hat Eduardo Chillida schon 1958 den großen Bildhauerpreis auf der Biennale in Venedig erhalten. Dreimal war er auf der documenta in Kassel vertreten. 1966, als ihm der Wilhelm-Lehmbruck-Preis verliehen wurde, war das plastische Werk zum letztenmal in der Bundesrepublik ausgestellt.