Die deutsche Autoindustrie gibt sich wieder tugendhaft: Auch nachdem sich Japan zu einer Beschränkung seiner Autoexporte in die USA bereitgefunden hat und damit zusätzlicher Druck in Europa droht, bleiben die Stellungnahmen aus der deutschen Industrie moderat. Noch vor einem Jahr wurde bereits nach dem Staat gerufen, als Importwagen aus Japan gerade acht Prozent Marktanteil erreicht hatten; heute, wo die zehn Prozent überschritten sind, soll der freie Welthandel solange wie möglich aufrechterhalten werden.

„Grundsätzlich hoffen wir, daß der freie Welthandel fortgesetzt und weiterentwickelt wird“, heißt es bei Daimler-Benz; „nach wie vor zum freien Handel“ bekennt sich Opel-Vorstandsvorsitzender Robert C. Stempel; und „der Volkswagenkonzern vertritt grundsätzlich das Prinzip des freien Handels“, tönt es aus Wolfsburg. Allerdings könne „aus unserer und aus deutscher Sicht nicht akzeptiert werden, wenn die Bundesrepublik als einziges verbliebenes Land zu Lasten seiner inländischen Beschäftigung die Fahne des freien Handels hochhält“.

Wie Bundeswirtschaftsminister Lambsdorff (siehe „Die Japaner nehmen Rücksicht“) hofft die deutsche Industrie offenbar, daß Japans Autohersteller nicht ihre bisher für die USA bestimmten Wagen nach Europa und damit vor allem in die Bundesrepublik lenken werden. Eine Hoffnung, die trügerisch ist. Denn Japans Premierminister Suzuki hat kurz nach der Bekanntgabe der Beschränkung der US-Exporte Europa eine klare Absage erteilt: Die Vereinbarung mit den USA binde Japan in keiner Weise gegenüber der Eruopäischen Gemeinschaft; die Situation in Europa sei grundverschieden. „Die EG unternimmt keinerlei Anstrengungen zur Sanierung der eigenen Autoindustrie, kümmert sich nicht um die Eroberung fremder Märkte, kontrolliert die Importe und beschränkt sie auf ihre eigene geschlossene Gesellschaft.“ Ein Vorwurf, der gegenüber Italien, Frankreich und Großbritannien, nicht aber gegenüber der Automobilindustrie der Bundesrepublik berechtigt ist.

Der amerikanische Unterhändler Brock stieß ins gleiche Horn. Europäische Wünsche nach einer Exportbegrenzung ähnlich der Vereinbarung zwischen Japan und den USA seien angesichts der Marktabschottung Italiens, Frankreichs und Englands „unverständlich“. Außerdem liege der Marktanteil der Japaner in Europa mit insgesamt rund zehn Prozent noch deutlich „unter der Hälfte der amerikanischen Vergleichszahl“.

Suzukis Attacke diente aber auch der Entlastung der eigenen Position. Denn die Vereinbarung mit den USA wird nicht nur von der japanischen Autoindustrie für „übereilt“ gehalten und als „eine Opferung der japanischen Autoindustrie auf dem Altar der amerikanisch-japanischen Beziehungen“ am Vorabend seines Gipfeltreffens mit US-Präsident Reagan gescholten. Selbst der federführende Handelsminister Tanaka übte Selbstkritik: „Persönlich halte ich gar nichts von dieser Methode, den Autokonflikt zu lösen, und ich hoffe, daß ich ein solches Durcheinander nicht noch einmal erleben muß.“

Japans Autoindustrie soll in diesem Jahr nur 1,68 Millionen Wagen in die USA verkaufen; 140 000 weniger als bisher geplant. Angesichts einer insgesamt angepeilten Produktion von fast zwölf Millionen Personenwagen, Lastwagen und Bussen wäre diese Zahl für Japans Autokonzerne sicher zu verschmerzen – aber auch in Japan lassen sich inzwischen nicht mehr so viele Autos absetzen, wie zunächst geplant; und nach dem Agreement mit den USA drohen weitere Exportbeschränkungen: Außer Brüssel hat auch Kanada bereits massiv auf Zurückhaltung der Japaner gedrängt.

Wirklich offen sind ohnehin nur noch die Märkte der Bundesrepublik, der Benelux-Staatea und Dänemarks – und dahin drohen nun die Autos aus Fernost mit Macht zu rollen. Der Blick auf den heimischen Markt bietet dabei zunächst ein beruhigendes Bild: Der japanische Vormarsch scheint gestoppt; im März mußten Toyota, Mazda, Datsun und Honda sogar Rückschläge gegenüber dem Vorjahr in Kauf nehmen (siehe Tabelle: „Die ersten Zwanzig“). Denn die Autos aus Japan sind inzwischen merklich teurer geworden, so teuer, daß das Fachblatt auto motor und spart bei der Vorstellung des neuen Honda-Quintetts urteilt: „Von einem Preisvorteil gegenüber den europäischen Konkurrenten kann kaum noch die Rede sein.“