/ Von Günter Haaf

Lambarene

Albert Schweitzer reiste seinerzeit langsamer, aber auch stilvoller. Mit dem Postschiff ging es bis zum gabunesischen Hafen Port Gentil und von dort per Flußdampfer zwei oder drei Tage den Ogowe hinauf bis nach Lambarene. Dort, am Nordufer des mächtigen Stromes und mitten im dämpfigen zentralafrikanischen Regenwald, wollte der Grand Docteur den „armen Schwarzen“ helfen, die „wirklich Kinder der Schmerzen sind“.

Schweitzers Monument der Menschlichkeit ist heute nicht mehr aus der Welt. Acht Jet-Stunden südlich von Zürich tauchen die Lichter von Libreville, der Hauptstadt Gabuns, aus der Gewitternacht auf. Breite Boulevards voller Toyotas, Hondas und Suzukis, spiegelnde Hochhausfassaden neben wellblechgedeckten Häuschen und das übliche vollklimatisierte Luxushotel schirmen, einer potemkinschen Fassade gleich, den nahen Urwald ab.

Der Gabun ist inzwischen ein reiches Land geworden: Opec-Mitglied, Mangan- und Uranerz-Exporteur. Doch der Wohlstand scheint sich um Präsident Omar Bongos mächtigen, modernistischen, streng umzäunten Palast im Zentrum Librevilles anzusammeln. Dahinter dünnen sich die Zeichen westlicher Prosperität rasch aus. Nur die Autos sind alle neu, so wie der japanische Kleinbus, der uns 250 Kilometer weit über die Nationalstraße 1 nach Lambarene karrt. Bis zur vierspurigen Ringautobahn und ein paar Kilometer darüber hinaus geht es flott voran. Dann wechselt das schwüle Spesenklima der Hauptstadt nahtlos in die Schwüle des Tropenwaldes über, endet abrupt der Asphalt und beginnt die rote, mit braunen Wasserpfützen getüpfelte Piste aus Laterit-Erde.

Nach viereinhalb Stunden zwischen grünen Mauern geht es links ab, einem Holzschild „Hôpital Albert Schweitzer“ nach. Rechts öffnet sich der Blick auf den breiten Fluß, dann, auf einer Anhöhe, auf eine Siedlung aus langgestreckten, weißgestrichenen Hütten. „Das ist das Lepradorf“, erklärt Professor Hermann Mai vom Nachbarsitz aus, „das hat Schweitzer mit dem Geld seines Nobelpreises gebaut.“

Der Kinderarzt Hermann Mai aus Münster, inzwischen über siebzig Jahre alt, kam 1952 zum erstenmal an das Spital am Ogowe und arbeitete hier an der Seite Schweitzers. Jetzt will er, der Vorsitzende des Deutschen Hilfsvereins für Lambarene, das neuerrichtete Krankenhaus und Forschungslaborsehen. Eine Schranke öffnet sich, der Wald weicht zurück, ein gepflegter, von Rasen gesäumter Kiesweg führt zu einer Ansammlung flacher, moderner Bauten: Das neue Lambarene liegt mit der Akkuratesse einer deutschen Kleingartensiedlung in der üppig wuchernden, mühsam auf Distanz gehaltenen Natur.